taz.de -- Dobrindts Asylpolitik: Um jeden Preis

Eigentlich sollten die deutschen Grenzkontrollen mit Inkrafttreten der Geas-Reform enden. Die Union will aber weiter nach rechten Wählern fischen.

Bild: Nur Grenzvollpfosten wollen weiter die Kontrolle an Deutschlands Außengrenzen

Eigentlich weiß man ja, dass CDU und CSU eh nicht nachgeben. Seit Tagen fordern wichtige EU-Politiker und Teile der SPD, dass Bundesinnenminister Dobrindt die [1][Kontrollen an den deutschen Grenzen] beendet. Auch die Zurückweisung von Asylsuchenden soll auslaufen, so die Forderungen. Der Grund: Am Freitag tritt die Reform des europäischen [2][Asylsystems Geas] in Kraft und dieses Datum hatte einst Dobrindt selbst als Enddatum für die Kontrollen genannt. Doch davon ist jetzt in CDU und CSU keine Rede mehr.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Im September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Hier droht die AfD die absolute Mehrheit zu erreichen. Bloß den Rechten nicht das Argument in die Hand geben, die Union sei zu soft in der Migrationspolitik, so wohl die Überlegung in CDU und CSU. Aber in diesem Modus der Schadensbegrenzung vergessen die Konservativen, dass auch die Grenzkontrollen gewaltigen Schaden anrichten.

Da sind die Geflüchteten, denen Deutschland verweigert, worauf sie ein Recht haben: ein faires Asylverfahren und Schutz vor Verfolgung. Aber selbst wenn einem das egal ist – wie es bei vielen in der Union der Fall zu sein scheint – gibt es immer noch genug andere Gründe gegen die Kontrollen und Zurückweisungen.

Beobachten ließ sich das vor rund einem Jahr, als die Grenzkontrollen gerade ausgeweitet und die Zurückweisungen neu eingeführt waren. [3][In Polen], das die Zurückgewiesenen wieder aufnehmen musste, marschierten rechte Bürgerwehren, es gab weitverbreiteten gesellschaftlichen Unmut. In der kurz darauffolgenden Präsidentschaftswahl siegte mit Karol Nawrocki ein Rechtsextremer. Ein schwerer Schlag für die liberalen Kräfte in Polen und der ganzen EU. Und womöglich eine Folge der deutschen Grenzpolitik, die den polnischen Rechten eine Steilvorlage geliefert hatte.

Jetzt nach einem Jahr der Zurückweisungen drohen noch tiefgreifendere Konsequenzen. Wenn die unionsgeführte Bundesregierung sich über Appelle von EU-Politiker*innen genauso hinwegsetzt wie über Entscheide deutscher Gerichte, wonach die [4][Zurückweisungen EU-rechtswidrig sind], dann schadet das der EU als Ganzem. Es untergräbt die Idee eines rechtsstaatlichen Europa. Und das sind die Kontrollen wirklich nicht wert.

10 Jun 2026

[1] /Illegale-Abweisungen-von-Asylsuchenden/!6176856

[2] /EU-einigt-sich-auf-Return-Hubs/!6184261

[3] /Polen-startet-Grenzkontrollen/!6095927

[4] /Wahrscheinlicher-Rechtsbruch-an-Grenzen/!6155147

AUTOREN

Frederik Eikmanns

TAGS

EU-Asylreform

Schwerpunkt Landtagswahlen

Grenzkontrollen

Asylpolitik

Migration

GNS

Reden wir darüber

Social-Auswahl

Reden wir darüber

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Dobrindt verlängert Grenzkontrollen: Deutschland schottet sich noch länger ab

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will die Grenzkontrollen bis März 2027 verlängern. Als Begründung nennt er „außergewöhnliche Umstände“.

Auswirkungen von GEAS in Deutschland: „Brot-Bett-Seife ist nicht von der Reform gedeckt“

Das neue EU-Asylsystem GEAS biete trotz vieler Verschärfungen durchaus Verbesserungen, sagt Jurist Constantin Hruschka. Was kommt auf die Geflüchteten zu?

Neuen EU-Asylsystem Geas: In Deutschland drohen Schnellverfahren

Mit dem EU-Asylsystem Geas kann Deutschland nun Asylanträge auf andere europäische Länder abwälzen. Brandenburg testet das schon seit einigen Monaten.

Geas-Reform: Die Menschenrechte werden abgeschafft

An diesem Freitag tritt das neue Asylsystem der EU in Kraft. Es bedeutet die größte Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten und betrifft am Ende alle.

Neues Europäisches Asylsystem GEAS: Von der EU-Grenze nach Berlin-Tegel

Berlin will Europas neue Asylregeln möglichst „human“ umsetzen, sagt die Integrationssenatorin. Flüchtlingsinitiativen und Grüne sind skeptisch.

EU-Asylsystem Geas tritt in Kraft: Start mit Hindernissen

Zwei Jahre nach der Einigung beginnt die Umsetzung des europäischen Asylsystems Geas. Doch nicht alle Mitgliedstaaten sind dafür vollständig gerüstet.

EU-Abschiebelager in Drittstaaten: Humanität in die Wüste geschickt

Die EU-Mitgliedsstaaten und das Parlament einigen sich auf Abschiebelager in Drittstaaten. Alle bisherigen „Vorbilder“ sind gescheitert.

Migrationspolitik der Bundesregierung: Von Spanien lernen

Ein repressiver Kurs in der Migrationspolitik ist nicht alternativlos. Die Regierung Sánchez zeigt, dass pragmatische Maßnahmen möglich sind.

Abweisungen von Asylsuchenden: Dobrindts Show soll weitergehen

Asylsuchende können aufgrund einer Weisung von Innenminister Dobrindt seit einem Jahr nicht mehr einreisen. Die Weisung war illegal – und wirkungslos.

Proxied content from gemini://taz.de/Dobrindts-Asylpolitik/%216186217 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Dobrindts-Asylpolitik/%216186217
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.