taz.de -- KI-Videoüberwachung in Kreuzberg: Es piept in der Kottiwache

Die Berliner Polizei präsentiert die neue KI-Videoüberwachung am Kottbusser Tor. Anders als zuvor behauptet, wird das Bildmaterial nicht verfremdet.

Bild: Schöne neue Welt am Kotti: KI-gestütze Videoüberwachung jetzt neu in Kreuzberg

In einem stickigen Kabuff in der Wache am Kottbusser Tor starren Polizisten auf Bildschirme. Ein Monitor zeigt auf vielen kleinen Kacheln die Bilder, die Kameras rund um den Eingang zu der Polizeistation mitten in Kreuzberg aufzeichnen. Ein anderer daneben ist schwarz, im Stand-by.

Auf einmal ertönt ein lautes Piepen, der Screen springt an. Zu sehen ist eine Straßenszene, zwei Männer schlagen aufeinander ein. Unter anhaltendem Warnton öffnen sich mehrere Anwendungsfenster mit weiteren Informationen zu der Situation.

Das Ganze ist allerdings nur eine Simulation: Die Männer sind Schauspieler, sie prügeln sich in der Dresdner Straße, damit Polizei und Innenverwaltung an diesem Mittwochvormittag eines der Lieblingsprojekte der noch amtierenden schwarz-roten Regierungskoalition präsentieren können: die [1][automatisierte Videoüberwachung mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI)].

Entsprechend stolz gibt sich Innensenatorin Iris Spranger am Mittwoch: „Wir wollen Gefahren oder problematische Situationen früher erkennen und schnell reagieren“, sagt die SPD-Politikerin und behauptet: „Die Technologie kann unter Umständen Leben retten.“

Eine Ausweitung unter Rot-Grün-Rot ist fraglich

Die KI-Videoüberwachung analysiert rund um die Uhr live das Verhalten von Menschen und soll bei bestimmten Bewegungen – etwa Schlagen, Treten, Messer zücken – Alarm schlagen. Ein Polizist am Monitor entscheidet dann, ob ein Notruf ausgelöst wird.

In den vergangenen Wochen wurden dafür rund 30 Kameras rund um das Kottbusser Tor angebracht. Die dafür nötigen 1,9 Millionen Euro stammen aus dem Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur und Klimaneutralität. Aktuell läuft noch die Testphase, in der kommenden Woche sollen sie in Betrieb gehen.

Möglich macht das die jüngste [2][Reform des Berliner Polizeigesetzes], die KI-Videoüberwachung an sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten vorsieht. Wenn es nach Spranger geht, soll der Einsatz nun auch schnell ausgeweitet werden. Als Nächstes sollen die Warschauer Brücke, der Alexanderplatz und der Görlitzer Park mit der Technologie ausgestattet werden.

Allerdings haben Grüne und Linke vor dem Berliner Verfassungsgericht gegen das neue Polizeigesetz geklagt. Ob die Technik also unter einer möglichen künftigen rot-grün-roten Koalition tatsächlich ausgebaut wird, ist unklar. Spranger räumt am Mittwoch ein: „Es gibt keinen Zeitplan. Wir werden sehen.“

99 Prozent Fehlalarme

Aber am Kotti ist man jetzt erst mal am Ziel. Entsprechend fällt der Jubel aus: Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel etwa schwärmt von einer „topmodernen Technologie mit messbarem Nutzen“. Berlin sei „ganz vorne an der Spitze“, gemeinsam mit Mannheim, Hamburg, London und Brüssel, wo ähnliche Software bereits zum Einsatz kommt.

Die Erfahrungen aus anderen Städten wecken jedoch Zweifel, ob die Technologie wirklich so effektiv ist wie behauptet. In Hamburg etwa geht aus einem Testbericht hervor, dass das System in zwei Monaten rund 1.400 Hinweise generierte, aber nur 11 davon polizeilich relevant waren. Mehr als 99 Prozent der Hinweise waren also nutzlos. Zudem übersah die Software eine Schlägerei.

Auch der Umgang mit dem Videomaterial wirft Fragen auf. Die KI kann zwar keine Gesichter, Hautfarben oder andere Merkmale erkennen. Sobald die Software aber Alarm schlägt, sehen die Beamt*innen in der Wache unverpixeltes Videomaterial. Dabei hatte Innensenatorin Spranger noch im Sommer erklärt, für die Polizist*innen seien bloß „Strichmännchen“ zu erkennen. Das war falsch, wie Spranger am Mittwoch einräumen musste.

Biometrische Identifizierung durch die Hintertür

Das Videomaterial wird zudem für einen Monat gespeichert und danach gelöscht, außer es ist ein Beweismittel in einem Ermittlungsverfahren. Und hier kommt dann womöglich doch eine KI-Gesichtserkennung ins Spiel. Denn das neue Berliner Polizeigesetz erlaubt die biometrische Suche nach Tatverdächtigen. Die Videos vom Kotti könnten also am Ende doch zur Identifizierung mittels Biometrie verwendet werden.

Nicht nur deshalb sorgt die KI-Videoüberwachung seit Langem für Kritik. Auch am Mittwochmorgen protestieren mehrere Dutzend Menschen im Nieselregen am Kottbusser Tor gegen deren Einführung.

Dort steht auch Ünal von der Initiative Kotti & Co, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er kritisiert die immer weiter wachsende Überwachung und Polizeipräsenz am Kottbusser Tor: „Vor 30 Jahren wurde der Kotti zum kriminalitätsbelasteten Ort erklärt. Seitdem kamen die Kotti-Wache, das Messerverbot, jetzt die KI-Überwachung. Nichts davon hat die Situation verbessert.“ Stattdessen, fordert Ünal, müssten die Angebote zur Sozialberatung ausgebaut und die aufsuchende Sozialarbeit gestärkt werden.

28 Oct 2026

[1] /KI-Videoueberwachung-in-Berlin/!6205593

[2] /Berliner-Abgeordnetenhaus/!6124349

AUTOREN

Hanno Fleckenstein

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