taz.de -- Beckedahl über Internetzensur: "Kinderpornos löschen statt sperren"

Die Bundesregierung will den Zugang zu Kinderpornoseiten im Internet erschweren. Zensurgegner wie Markus Beckedahl fordern als Alternative, solche Seiten schneller zu löschen.

Bild: Massiver Widerstand der Zensurgegner: Familienministerin von der Leyen mit dem Stoppschild des Anstosses

taz: Herr Beckedahl, wie läuft die Kampagne gegen Internetsperrungen?

Markus Beckedahl: Sehr gut. Unsere Online-Petition an den Bundestag wurde binnen vier Tagen von 50.000 Menschen unterzeichnet. In dieser Woche schaffen wir wohl die 100.000er-Marke, passend zur Anhörung im Bundestag, die am Mittwoch stattfindet. Die Zeichnungsfrist läuft noch bis Mitte Juni.

Die Bundesregierung will Kinderpornographie im Internet sperren, das heißt den Zugang erschweren. Die Kritiker setzen inzwischen als Slogan dagegen: "Löschen statt sperren." Warum?

Weil es viel effizienter ist, kinderpornographische Angebote im Internet gleich ganz zu entfernen, statt Sperren einzurichten, die leicht zu umgehen sind.

Sie fordern also eine effizientere Zensur?

Es ist keine Zensur, wenn strafbare Inhalte aus dem Netz entfernt werden.

Warum bezeichnen Sie es dann als Zensur, wenn der Zugang zu strafbaren Inhalten im Internet nur erschwert wird? Das ist doch ein weniger intensiver Eingriff?

Es ist ja nichts Neues, dass verbotene Inhalte im Netz gelöscht werden, das gab es schon immer. Wir sind aber gegen den Aufbau einer neuen Infrastruktur für Internet-Sperren. Solche Sperren werden immer effizienter und werden dann bald auch auf andere unerwünschte Inhalte wie Musiktauschbörsen ausgeweitet.

Das BKA sagt, es versuche durchaus, Kinderpornographie aus dem Netz zu entfernen, wenn dies möglich ist...

Das ist definitiv möglich. Eine Auswertung von Sperrlisten aus anderen Ländern zeigt, dass fast alle gesperrten Kinderporno-Domains auf Servern in westlichen Industriestaaten lagern, in denen Kinderpornographie auch jeweils strafbar ist.

Und das BKA tut nichts?

Natürlich sucht das BKA Rechtshilfe bei den zuständigen Behörden im Ausland. Aber das dauert alles viel zu lange, bis zu einem Monat. Ein Trojaner im Bankenbereich ist binnen weniger Stunden aus dem Netz entfernt. So schnell könnte und sollte das mit Kinderpornographie auch gehen, dann bräuchte man auch keine Internet-Sperren, die die Kinderporno-Bilder ja nur verstecken und nicht entfernen.

Haben Sie nicht Angst, dass eine effiziente internationale Kooperation bei der Löschung von Webseiten bald auch gegen andere Inhalte wie zum Beispiel illegale Musiktauschbörsen genutzt werden könnte?

Jetzt geht es erstmal darum, Internet-Sperren zu verhindern.

In der Online-Petition wird kritisiert, die von der Regierung geplanten Internet-Sperren seien "undurchsichtig und unkontrollierbar". Warum?

Weil das BKA die zu sperrenden Seiten auswählt und dabei nicht demokratisch kontrolliert wird. Das darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.

Und wenn künftig ein Richter vorab prüft, ob wirklich nur verbotene Inhalte gesperrt werden?

Wir sind generell gegen Internet-Sperren. Aber ein Richtervorbehalt wäre das Mindeste.

26 May 2009

AUTOREN

Christian Rath

TAGS

Schwerpunkt Überwachung

ARTIKEL ZUM THEMA

Streit über geplante Internet-Sperren: Hackerangriff auf Kinderhilfe-Seite

Die Organisation "Deutsche Kinderhilfe" kämpft für die Sperrung von Kinderporno-Seiten. Nun knöpften sich Hacker ihre Website vor.

Petition gegen Internetsperren: Blogosphäre gegen "Guttenzwerg"

Über 70.000 unterzeichnen eine Onlinepetition gegen Internetsperrungen. Wirtschaftsminister zu Guttenberg macht das "betroffen" - und bringt so Netzaktivisten gegen sich auf.

Internet-Ausdrucksperre gegen Politiker: „Jetzt wird zurückzensiert!“

Gerade die Politiker, die das Netz zensieren wollen, können nicht damit umgehen, sagen Netzaktivisten. Deshalb lassen sich manche Webseiten nicht mehr ausdrucken.

SPD für Netzsperrenausweitung: Internetsperren auch für Jugendpornos

Die SPD-Jugendexpertin Marks möchte Internetsperren auch bei Pornos mit Jugendlichen bis 18 Jahren. So weit geht nicht einmal die CDU-Familienministerin.

Regierungsbeschluss zu Internetsperren: Gesetz gegen Kinderpornos im Netz

Am Mittwoch beschloss die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf, der den Zugriff auf Kinderpornografie im Netz erschweren soll. In sechs Monaten soll er umgesetzt sein.

Proxied content from gemini://taz.de/%215162457 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215162457
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.