taz.de -- Vergewaltigungsprozess in Berlin: „Der Täter soll merken, dass wir da sind“
Im Fall Frank S. formiert sich Protest. Aktivistische Gruppierungen und die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes rufen zu Kundgebungen auf.
Bild: Auch Influencerin Noemi Ferrari macht sich für die Betroffenen stark
Martin Stein, der eigentlich anders heißt, hat sich extra krankschreiben lassen, um am Prozess im Fall Frank S. teilnehmen zu können. Bei den vier zusätzlich anberaumten Verhandlungstagen ist in den kommenden zwei Wochen wohl mit etwas volleren Bänken auf den Zuschauerrängen zu rechnen. Am Donnerstag waren 12 Aktivist*innen vor Ort.
Dem Angeklagten wird vorgeworfen, in seiner Wohnung 14 Frauen betäubt und vergewaltigt zu haben. Die Taten soll er gefilmt und anschließend ins Netz gestellt haben. Die Polizei geht jedoch insgesamt von 59 Geschädigten aus. Es ist zu erwarten, dass die Fälle der anderen Betroffenen in einem zweiten Verfahren verhandelt werden. Die ursprünglich für Donnerstag angesetzte Urteilsverkündung wurde auf den 14. Oktober verschoben.
Solange es keine ausreichende strukturelle Unterstützung für die Betroffenen gebe, müssten sich eben Einzelpersonen organisieren. „Meine Krankmeldung steht ja nicht im Verhältnis zu dem, was da passiert ist“, sagt Stein. Gegenüber seinen Arbeitskolleg*innen habe er aber trotzdem ein schlechtes Gewissen. Die Verhandlungstage müssen die Aktivist*innen jedoch größtenteils auf dem Gang verleben. Für die Aussage der Geschädigten gilt der Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit Abschluss des elften Verhandlungstags am Mittwoch sind nach Aussage des Landgerichts alle 14 Geschädigten angehört worden.
Alle Betroffenen haben ausgesagt
Gerade jetzt hält Stein es für wichtig, präsent zu sein. In den nächsten Verhandlungstagen sind im Gerichtssaal keine Betroffenen mehr zu erwarten, die sich durch die vermehrte Aufmerksamkeit unwohl fühlen könnten. „Der Täter soll merken, dass wir da sitzen und die Bänke voll sind, auch wenn wir nach zehn Minuten vielleicht wieder gehen müssen“, sagt er. Dem mutmaßlichen Täter müsse die Anonymität genommen werden. „Nur deswegen traut der sich, so ekelhafte Sachen zu machen“, sagt Stein.
Laut Stein sind die Aktionen aus mehreren Gruppierungen entstanden, die sich bisher auf Telegram vernetzen. „Keine Show für Täter“ sei beteiligt, „Catcalls of Berlin“, die antifaschistische Jugendgruppe LaRage aus Lichtenberg und die feministische antifaschistische Jugendorganisation F_AJOC aus Charlottenburg. „Vor dem Gerichtssaal haben wir aber auch mehrere Menschen getroffen, die die Termine selbst im Internet recherchiert hatten“, sagte Stein. Für den Tag der Urteilsverkündung am 14. Oktober ist um 13 Uhr eine Kundgebung vor dem Gericht in der Turmstraße geplant.
Auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes ruft dazu auf, zu den Verhandlungstagen zu kommen und an Kundgebungen teilzunehmen. „Die Leute sollen mitbekommen, dass dieser Fall einer der größten ist, der zu dem Thema vor dem Landgericht verhandelt wird“, sagt Sina Tonk, Bereichsleiterin des „Referats Häusliche und sexualisierte Gewalt“. Das Team von Terre des Femmes will sich laut Tonk vor der Arbeit treffen, um an den Verhandlungstagen teilnehmen zu können.
„Mit unserer Kundgebung und unserer Anwesenheit im Gerichtssaal wollen wir Solidarität mit den Betroffenen ausdrücken“, sagt Tonk. Ihre erste Kundgebung plant Terre des Femmes für den 6. Oktober um 8:30 Uhr vor dem Gericht in der Turmstraße. Für die nächsten Verhandlungstage sind die Aussage einer am Fall beteiligten Polizeibeamtin und die Anhörung weiterer Sachverständiger aus den Bereichen Toxikologie und Psychiatrie geplant.
1 Oct 2026
AUTOREN
Anna Simbürger
Vergewaltigung
Landgericht
Aktivismus
Der Fall Frank S.
Social-Auswahl
Sexualisierte Gewalt
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