taz.de -- Neue Intendanz am Gorki: Alles ganz durchlässig

2013 kam Çağla Ilk mit Shermin Langhoff ans Berliner Gorki Theater, zur nächsten Spielzeit startet ihre Intendanz. Sie will das Haus in vielerlei Hinsicht öffnen.

Bild: Çağla Ilk ist zurück am Berliner Gorki Theater

An einer Wand im Büro von Çağla Ilk, im sich im Umbau befindenden Palais am Festungsgraben, hat sie den Spielplan gepinnt. Oben stehen in dicken Lettern die Monate von September ’26 bis Juli ’27, darunter Notizen zu den einzelnen Produktionen. Namen, Titel von Produktionen, Fotos, Skizzen überlappen sich. Das Programm für die erste Spielzeit der neuen Gorki-Intendanz steht, aber zumindest auf dem Plan könnte man problemlos noch Hin- oder Herschieben.

Von Offenheit ist in dem Gespräch, bei dem auch Dramaturg Ludwig Haugk zugegen ist, viel die Rede. Von Durchlässigkeit und Transparenz. Immer sei sie davon ausgegangen, erklärt Ilk, dass Theater noch offener sein sollten, was Sparten und Kunstformen betrifft, aber auch in Bezug auf Öffnungszeiten. Für noch mehr Begegnungsmöglichkeiten.

Das Gorki soll entsprechend auch tagsüber öffnen. Von Tag eins an, wie Haugk betont. Also schon bei dem, was unter „Sept ’26“ hängt: der „Begegnung“ zwischen dem türkischen Konzeptkünstler [1][Sarkis] und dem 1990 verstorbenen polnischen Theaterregisseur, Maler, Bühnenbildner, Kunsttheoretiker [2][Tadeusz Kantor]. Eine Art Installation, performativ soll sie auch sein.

„Ob man eine Ausstellung betritt oder ein Theaterstück, davon hängt ab, wie wir etwas wahrnehmen“, sagt Ilk. Noch etwas, was sie infrage stellen will. Künstler:innen und Regisseur:innen habe sie deshalb ausgewählt, die offen seien für ein „übergreifendes Denken“. Die immer wieder eine andere Wahrnehmung schaffen. Und die sich ein bisschen weniger an Begriffen festhalten. Dem des Sprechtheaters etwa, das Kritiker:innen am Gorki bereits jetzt vermissen. Oder dem des postmigrantischen Theaters.

Kuration in Venedig und in Baden-Baden

Die sich dafür mehr für Übergänge interessieren, so wie Ilk. Als sie [3][vor zwei Jahren den deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale] kuratierte, wurde noch aus der anderen Richtung skeptisch beäugt, dass sie neben Yael Bartana mit Regisseur Ersan Mondtag arbeitete. War das noch Kunst? Und ist das noch Theater, was sie jetzt plant? Yael Bartana kommt auch ans Gorki. Und Nicole L’Huillier und Robert Lippok, die damals die Insel La Certosa mitbespielten.

Und Göksu Kunak und [4][Leila Hekmat], die man bislang eher aus der Kunst kannte. Und aus den Berliner Produktionshäusern HAU und Sophiensæle. Den Vorwurf, ebendiesen Konkurrenz machen zu wollen, will Ilk nicht stehen lassen. Andere Ressourcen und Strukturen könne sie den Künstlerinnen liefern, Regieassistenzen etwa oder Werkstätten. Letztere sind zwar am Gorki gerade akut gefährdet, nicht zu stemmende Mietmehrkosten von 160.000 Euro jährlich beim Bühnenservice der Stiftung Oper stehen im Raum. Zuversichtlich erscheint Ilk jedoch, eine Lösung aushandeln zu können, denn: „Ohne die Werkstätten könnten wir nicht funktionieren.“

Ilk selbst ist am Gorki nicht neu. 2013 kam sie, die Architektur in Berlin und Istanbul studiert hat, ans Haus, als „eine der ersten Mitarbeiter*innen von Shermin Langhoff“. Ihre erste Station in einer staatlichen Institution. Ihre letzte vor der [5][Rückkehr ans Maxim Gorki Theater] war die Leitung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

Weit weniger voll als die Wand mit dem Spielplan ist diejenige mit den Porträts der Ensemble-Mitglieder. Zehn Personen sind es bislang. Drei davon waren schon unter Langhoff dabei: Lea Draeger, Till Wonka, Çiğdem Teke. Außerdem: Campbell Caspary, der kürzlich noch für [6][Constanza Macras] den Conferencier in ihrem Volksbühnen-Abschlussstück „Goodbye Berlin“ gab – auch Macras und ihre Compagnie DorkyPark wechseln ans Gorki. Caroline Cousin, Emeka Ene, Roger Sala Reyner, der bereits mit der ebenfalls fürs Gorki engagierten Choreografin Meg Stuart gearbeitet hat, Lars Rudolph, Mickey Mahar, Kimberly Darcy-Mae.

Beim ersten Stück, das doch unter Sprechtheater fällt, Ulrike Ottingers „The Hearing Trumpet“, über die Surrealistin Leonora Carrington, übernimmt allerdings keine:r von ihnen eine Hauptrolle. Alte Kolleginnen Ottingers stattdessen, Rentnerinnen, wie es dem Stoff entspricht. Und weil Gäste immer willkommen sind.

4 Jun 2026

[1] /Sarkis-stellt-in-Baden-Baden-aus/!5966779

[2] /US-Theatergruppe-Wooster-Group-in-Berlin/!5927463

[3] /Kuratorin-Kunstbiennale-Venedig/!5984158

[4] /Premiere-Roses-Rising--The-Dinner/!6172077

[5] /Neue-Intendanz-am-Berliner-Gorki-Theater/!6046829

[6] /Choreografin-Constanza-Macras/!6074949

AUTOREN

Beate Scheder

TAGS

Maxim Gorki Theater

Theater

Kultur in Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Spielzeiteröffnung am Gorki: Die Zeichen stehen auf Trauer und Verstummen

Das Gorki Theater in Berlin eröffnet mit Installationen im Theaterhaus. Sarkis' „Fuge“ erinnert auch an den polnischen Theatermacher Tadeusz Kantor.

Songs from the Last Years am Maxim Gorki: Die kollektive Bedeutungsschwere des Augenblicks

Das Maxim-Gorki-Theater feiert Abschied von Shermin Langhoff – die Stimmung ist ambivalent. Grund genug, Beständigkeit im Immerselben zu suchen.

Gorki-Werkstätten vor dem Aus: Spielball der Kürzungspolitik

Nach der Kündigung ihres Mietvertrags fürchten die Werkstätten des Maxim-Gorki-Theaters um ihre Existenz. Der Senat zeigt sich unbekümmert.

Theatertreffen der Jugend: Deutschland, warum weinst du nicht, Deutschland wovon träumst du?

Beim Berliner Theatertreffen der Jugend fragen sieben starke Inszenierungen aus Freier Szene, Schulen und Stadttheatern nach den Träumen, Traumata und Wünschen der jungen Generation.

Sommerschlussverkauf im Gorki Theater: Alles muss raus

Schnell sein lohnt sich: Poster, Pullis und Postkarten des Gorki Theaters gibt es noch bis zum 14. Juni zu kaufen – nur, solange der Vorrat reicht.

Asiatische Perspektiven im HAU: Kunst gegen das Alleinsein

Das Festival „Being Alone“ im Berliner HAU verhandelt Einsamkeit zwischen zentralasiatischer Arbeitsmigration und digitaler Isolation.

Massiver Künstlerprotest erzwingt Absage: Wiener Festwochen laden Tech-Milliardär Peter Thiel aus

Nach Protesten und Absagen von Künstlern laden die Wiener Festwochen den umstrittenen Vordenker der US-amerikanischen Rechten, Peter Thiel, kurzfristig aus.

Neue Intendanz am Berliner Gorki Theater: Alles neu im Gorki

Noch leitet Çağla Ilk die Kunsthalle Baden Baden. Zur Spielzeit 2025/2026 übernimmt sie die Intendanz am Maxim Gorki Theater von Shermin Langhoff.

Proxied content from gemini://taz.de/Neue-Intendanz-am-Gorki/%216183983 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Neue-Intendanz-am-Gorki/%216183983
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.