taz.de -- Songs from the Last Years am Maxim Gorki: Die kollektive Bedeutungsschwere des Augenblicks

Das Maxim-Gorki-Theater feiert Abschied von Shermin Langhoff – die Stimmung ist ambivalent. Grund genug, Beständigkeit im Immerselben zu suchen.

Bild: Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theater, sitzt vor der Tür des Theaters

Aus zusammengekniffenen Augen versuchen, von ganz hinten zu erkennen, was auf der golden erleuchteten Bühne vor sich geht, ein Meer schwarzer, schwüler Silhouetten trennt mich von ihr, der Abschiedsabend zum Wechsel der Intendanz hat begonnen: „Songs from the Last Years“ heißt er, es soll ein Konzert voller Lieder aus den Stücken der letzten Jahre sein, gefolgt von einer Party. Leicht verdutzt erkenne ich Cem Özdemir am Mikrofon. Der Baden-württembergische Ministerpräsident hält eine liebenswert-diplomatische Rede auf Shermin Langhoff, die gleich nach ihm vors Publikum tritt.

Statt lang auszuholen, lässt die Noch-Intendantin unter Jubel die Blätter ihrer Rede von der Bühne segeln und bedankt sich in knappen Worten. Die Stimmung im Saal ist schwer zu greifen, ein bisschen Schweiß, ein bisschen klamme Finger: ein kollektiver Kloß im Hals, der sich jederzeit in becherweise schalem Prosecco und enthemmten Rückversicherungen der gegenseitigen Bewunderung, der Zuneigung und der eigenen Vergangenheit entladen könnte. Das hier institutionalisierte sogenannte postmigrantische Theater habe sich mittlerweile im breiten Kanon etabliert, so die These des Abends. Später wird man sie noch ein paarmal zu oft hören. [1][Beruhigung durch Wiederholung].

Jetzt aber erstmal: Musik! Theatralisch eröffnet Via Jikeli mit „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen“ aus Christian Weises „Der Untertan“ die Revue. Eine Live-Kamera projiziert verwaschene Details auf den schimmernden Fadenvorhang im Bühnen-Hintergrund. Die Musik stützt Wehmut und Drama, man könnte meinen, der Untergang und seine Ekstase, sie stünden kurz bevor. L., S. und ich blicken uns an und entscheiden uns im stummen Einverständnis erstmal für geschnorrte Zigaretten im Hof.

Graublaue Dämmerung hängt über den historischen Gebäuden, als Zaungast fühlt sich hier alles gleichzeitig voll und leer, aufgekratzt und phlegmatisch ermattet an. Die einzige Nicht-Ambivalenz der Party scheint in der kollektiven Bedeutungsschwere des Augenblicks zu liegen: Das Gorki ist tot, es lebe das Gorki.

Der Trost wohnt am Tresen

„They say death is immortal, so is the power of life“ (Z. Dt. Man sagt, der Tod sei unsterblich, ebenso wie die Kraft des Lebens) singt mittlerweile Jonas Dassler in seinem „Fledermaus Extinction Song“ oben im entstuhlten Saal, während sich auch die Wolken am Himmel türmen. Bevor alle Dämme brechen, beschließen wir drei, nach Neukölln zurückzufahren, das helle Theaterfoyer voller halbfremder gegen einen dunkelgerauchten Tresen voll nahvertrauter Menschen zu tauschen.

Das Problem mit den Dystopien sei, sagte I. einst in der Uni zu mir, dass wir sie uns immer wie aus dem Science-Fiction-Film vorstellen würden. Was aber, wenn die Dystopie längst da sei? Wir würden sie nicht erkennen, die alltäglichen Details des Lebens, die Türklinken, Milchkartons und Bauzäune, die wären doch immer noch die gleichen. Das Vertraute, es würde eine Sicherheit suggerieren, die es gar nicht mehr gibt. Die Berliner Kneipe, sie tut den Trick. In der Nacht davor, als M. und ich auf der Torstraße vor dem Prassnik gemeinsam Menschen beobachteten und M’s letzte 12 Jahre Berlin remminisierten. M. zieht zurück nach Kassel.

[2][Die Stadt und die Menschen sind nicht mehr dieselben,] nur das Hausbier, es schmeckt immer noch unerträglich, es kostet nur doppelt so viel. Und auch jetzt, hier im Schilling, beruhigen die Farben, die Gerüche, die Stimmen. Ein bisschen rotes Neon, ein bisschen speckiges Holz. Will jemand ein Samosa kaufen? Einen Mexikaner trinken? Nen Euro abgeben? Berlin, dein Gesicht hat Dackelfalten. Und zumindest nachts um drei, wenn man seine Finger in diesen weichen Furchen entlanggleiten lässt, fühlt sich das Grauen im Vertrauen der Dystopie noch sehr, sehr weit entfernt an.

15 Jun 2026

[1] /Gorki-Werkstaetten-vor-dem-Aus/!6185212

[2] /Neue-Indendanz-an-Berliner-Volksbuehne/!6184038

AUTOREN

Hilka Dirks

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