taz.de -- Arbeitskämpfe von Gast­ar­bei­te­r*innen: „Wir hatten damals niemanden, der auf unserer Seite stand“

In den 1970er Jahren stand Irina Vavitsa für den Autozulieferer Hella am Fließband. Sie beteiligte sich an Streiks für eine faire Bezahlung für alle.

Bild: Streik bei Hella 1973: Spanische Ar­bei­te­r:in­nen fordern auf ihrem Transparent „fuera perros“, also „Hunde raus“

taz: Frau Vavitsa, Sie sind 1971 als griechische Gastarbeiterin nach Deutschland gekommen. Warum?

Irina Vavitsa: Meine Eltern sind zunächst als politisch Verfolgte in die Sowjetunion gegangen. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Wir durften 1965 zurück nach Griechenland. Kurz danach kam aber die Diktatur. Weil meine Eltern ehemalige politische Emigranten waren, hatten wir keine griechische Staatsbürgerschaft mehr. Auch die wirtschaftliche Lage war sehr schlecht. Ich hatte Glück: Weil ich einen Griechen geheiratet habe, haben mein Mann und ich Papiere bekommen. Mit dem Anwerbeabkommen konnten wir nach Deutschland und dort arbeiten.

taz: Was hat Sie dann hier erwartet?

Vavitsa: Wir haben beim Autozulieferer Hella in Lippstadt gearbeitet und in Barackenwohnheimen gewohnt. In denen haben zur NS-Zeit auch die Zwangsarbeiter von Hella gewohnt. Als ungelernte Arbeitskraft bin ich in der Montage gelandet. Im Betrieb wurden wir für die gleiche Arbeit unterschiedlich entlohnt. Zwar konnten wir wegen der Sprachbarriere die Abrechnung nicht richtig lesen, aber wir haben die Unterschiede am Geld gesehen.

taz: Welche Unterschiede?

Vavitsa: Auf zwei Ebenen: Es gab Unterschiede zwischen Männern und Frauen und zwischen deutschen Kollegen und Migranten. Migrantische Frauen waren doppelt bestraft.

taz: Haben Sie sich beschwert?

Vavitsa: Als wir uns bei den Dolmetschern beschwert haben, sagten die, wir sollen froh sein, Arbeit zu haben. Wir hatten damals niemanden, der auf unserer Seite stand. Keinen Betriebsrat, keine Gewerkschaft.

taz: Nach zwei Jahren im Betrieb, 1973 also, sind Sie mit anderen Beschäftigten in den Streik getreten. Was war der Auslöser?

Vavitsa: Es war Ölkrise. Die Arbeitgeber wollten den deutschen Facharbeitern mehr Geld geben. 60 Pfennig die Stunde. Als wir das erfahren haben, habe ich mich mit ein paar Kollegen zusammengetan. Wir fanden das nicht fair. Wir haben „50“ auf eine Pappe geschrieben und sind auf die Straße gegangen. Unser Werk stand still – nur die deutschen Angestellten haben gearbeitet, die haben uns nicht unterstützt. Es gab einen Polizeieinsatz mit Hunden. Wir haben gestreikt, drei Tage lang.

taz: Wie war die Reaktion auf Ihren Streik?

Vavitsa: Jeden Tag haben die Medien versucht, unseren Streik zu kriminalisieren. Es wurde behauptet, der Streik wäre von außen angestiftet. Das stimmte aber nicht, der war von uns. Am vierten Tag hat der Arbeitgeber nachgegeben und wir haben 50 Pfennig mehr pro Stunde bekommen. Unser Streik war ein Erfolg.

taz: Dieser Streik reiht sich ein in zahlreiche Streiks im Jahr 1973. Welche Bedeutung hatten diese für Gastarbeiter*innen?

Vavitsa: Eine große Bedeutung. Wir haben gezeigt, dass wir ein besseres Leben wollen. Und dass die Arbeiter zusammenhalten, ob Deutsche oder Nichtdeutsche. Das war ziemlich wichtig. Wir haben auch den deutschen Kollegen gezeigt, dass wir uns als Arbeiter nicht spalten lassen sollten. Wir sollten ein gemeinsames Ziel haben. Wir haben Stärke gezeigt, bis die Gewerkschaft uns mit in die Strukturen aufgenommen hat.

taz:Sind diese Kämpfe heute in Vergessenheit geraten?

Vavitsa: Die Erinnerungskultur kommt langsam. Zum Beispiel über Gewerkschaften. Wir sprechen darüber, wie wichtig Gewerkschaftsarbeit ist und war. Gerade in Bezug auf die deutsche Arbeiterbewegung. Es ist wichtig, für die eigenen Rechte zu kämpfen, in der ersten Reihe zu stehen. Dafür sind Gewerkschaften da. Wir brauchen eine starke, klassenbewusste Gesellschaft.

23 Jun 2026

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Martje Menzel

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