taz.de -- Ausstellung über Migration und Mobiliar: Existenzen im Dazwischen

Eine Berliner Ausstellung erzählt Migrationsgeschichte über Radios und provisorische Betten. Wohnen wird Ausdruck von Ankommen, Ausharren, Träumen.

Bild: Wohnraum einer großen Familie aus dem Kosovo im Behelfsheim für Flüchtlinge und Obdachlose

Gleich zu Beginn der Ausstellung wird Kyriakos Ch., der als einer der ersten griechischen Arbeitsmigranten Ende der 1950er Jahre in Berlin ankam, zitiert: „Ich schlief bei den Nonnen, dann bei einer deutschen Oma, deren Klavier ich im Winter verfeuerte.“ Zeitungsartikel aus den 1960er Jahren stützen den persönlichen Eindruck, berichten ebenfalls von der [1][schwierigen Wohnsituation] und titeln mit Schlagworten wie „Gastarbeiter-Slum“ oder „Hundestall als Wohnung“.

In den zehn thematisch kuratierten Kapiteln der von Burcu Dogramaci und Manuel Gogos kuratierten Ausstellung zeugt das Mobiliar oft deutlich von Knappheit, Improvisation und der Kunst, mit wenig auszukommen. Lautstark widerspricht es damit der musealen Umgebung des Rokoko-Gebäudes, das von bürgerlicher Pracht erzählt.

Wie sich diese Realität in Fotografien niederschlägt, zeigt Martin Rosswogs Serie „Asylbilder“ aus den Jahren 1992 bis 1994. Kahle Räume, provisorische Arrangements, ein dreibeiniger Stuhl als Sinnbild für das Leben ohne festen Stand. Herkunft und Ankunft erscheinen hier nicht als klare Gegensätze, sondern als Überlagerungen. Es entstehen Existenzen im Dazwischen, aus „Einheimischen“ werden „Mehrheimische“.

Diese Schwebezustände manifestieren sich in aufgezeigten Einzelbiografien. So schläft beispielsweise Filippo Bologna aus Sizilien als junger Arbeitsmigrant in Solingen jahrelang auf zwei zusammengeschobenen Stühlen. Mustafa Aydin träumt von einem eigenen Sägewerk in der Türkei, das er jedoch nie bauen wird. Die Familie Ricchiuti richtet ihr Haus in Italien mit hochwertigen Möbeln ein, während die Wohnung in Deutschland mit billiger Einrichtung ausgestattet bleibt.

Neue und alte Verbindungen

Und doch: Ankommen passiert auch hier. Oft mit der ersten eigenen Wohnung, die mehr ist als ein Dach über dem Kopf. Hier treffen „wandernde Dinge“ aufeinander, Möbel aus der alten Heimat, Elektrogeräte aus der neuen. Radios und Fernseher werden zu Fenstern in beide Richtungen, halten Verbindungen aufrecht und schaffen zugleich neue.

Beeindruckend ist, wie „Migration und Mobiliar“ bewusst mit unterschiedlichen Perspektiven spielt. Einerseits wird der Blick von außen gezeigt, etwa im Kapitel „Hausbesuche“ des Fotografen Henning Christoph und seiner Frau Shawn. Die beiden lassen sich in die privaten Räume türkischstämmiger Menschen in Deutschland einladen. Es sind intime Einblicke, die immer auch die Gefahr der Exotisierung in sich tragen.

Andererseits gibt es Selbstinszenierungen aus den 1970er Jahren, in denen Migrant:innen die Kontrolle über ihr eigenes Bild zurückgewinnen. So posiert etwa ein Mann aus Griechenland selbstbewusst auf dem Balkon, mit langem Haar und roten Strümpfen. In seiner Heimat, die damals eine Militärdiktatur war, wäre dies undenkbar gewesen.

Ausgespart wird auch nicht, dass migrantisches Wohnen politisch und verletzlich bleibt. Die Ausstellung erinnert an rassistische Angriffe auf Wohnräume, die eigentlich Schutz bieten sollten. Solingen oder Rostock-Lichtenhagen sind Namen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Die Geschichte der Familie Genç, die 1993 Opfer eines Brandanschlags in Solingen wurde, durchzieht die Schau wie ein schmerzhafter Kontrapunkt. Fünf Menschen starben.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass [2][Wohnen in der Migration] kein Zustand, sondern ein Prozess ist, der von Bewegung, Brüchen und Mehrfachzugehörigkeiten geprägt ist. Vielleicht ist es genau diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Aneignung, von Provisorium und Verankerung, die der Ausstellung ihre leise Melancholie verleiht. Eine Melancholie, die vermutlich besonders dann nachhallt, wenn man selbst einmal aufbrechen und zurücklassen musste.

30 Jun 2026

[1] /Herbstsalon-am-Gorki-Theater/!6115255

[2] /10-Jahre-Wir-schaffen-das/!6132404

AUTOREN

Rahel Bueb

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