taz.de -- Alltag in Berlin-Moabit: Pünktlich Bella Ciao

In den letzten zwölf Jahren hat sich einiges in Berlin-Moabit verändert. Auf eines jedoch ist Verlass: die musikalische Untermalung des Samstagvormittags.

Bild:

Der Klang einer Trompete weht leicht an mein Fenster. Noch ist er kaum wahrnehmbar durch das Vogelgezwitscher und die auf dem Kopfsteinpflaster dahin fahrenden Autos. Erst allmählich verdichtet er sich, wird in seiner Intonation erkennbar. Begleitet wird er von einer Quetschkommode – einem Akkordeon – und immer lauter werdenden Rufen. Langsam schält sich eine Melodie heraus.

Seit nun mehr über zwölf Jahren lebe ich in Moabit. Ich glaube, nach einer so langen Zeit ist „leben“ die richtige Bezeichnung, entgegen einem bloßen „wohnen“. In zwölf Jahren hat sich einiges getan in meiner Hood. „Plus ça change, plus c'est la même chose“, schrieb einst der französische Journalist Jean-Baptiste Alphonse Karr – je mehr sich etwas ändert, desto mehr bleibt es im Kern gleich.

Aus dem einstigen selbstverwalteten Bioladen wurde erst ein Co-Working-Space, inzwischen ist die Opferhilfe an der Ecke eingezogen. Aus einem kleinen Blumenladen ist inzwischen ein schönes Café geworden, in dem man immer noch Sträuße kaufen kann. Aus Aldi wurde Alnatura, ein Humana tauschte mit einer Rossmann-Filiale sein Ladengeschäft. Traurig ist, dass es den „Dicken Engel“ nicht mehr gibt, ein nicht allzu ausgefallener Vietnamese nun dort residiert. Und auch der kleine türkische Supermarkt daneben, „Merhaba Discount“, wurde aufgegeben. Beides wohl aus wohlverdientem Ruhestand. Trotzdem schade.

Eine Sache aber ist in all der Zeit gleich geblieben, hat Karrs Diktum gewissermaßen wörtlich genommen: Samstagvormittag, fast auf die Minute genau, vernehme ich immer wieder zunächst eine Trompete. Dann – wie zu Anfang beschrieben – verdichtet sie sich zu einer Melodie, begleitet von Akkordeon und lauten Stimmen. „Bella Ciao“, „Cielito Lindo“ und was das Repertoire noch so hergibt – die Songs bleiben stets dieselben. Ich frage mich manchmal, wer die Musikanten sind, die da unten spielen, und, ob sie wissen, wie viel sie mir mit ihren immer gleichen Liedern eigentlich geben.

22 Oct 2026

AUTOREN

Sophia Zessnik

TAGS

Kolumne Szene

Berlin

Alltag

ARTIKEL ZUM THEMA

Auf der Plansche am Weißen See: Scheu wie der Wind

Ein Tigerrudel begibt sich zwischen Laub und Wasserspeiern auf die Jagd. Gefahr geht von ihm aber nicht aus, die Katzenkinder ernähren sich vegetarisch.

Ungewöhnlicher Schutz vor Einbrechern: Die Alarmanlage

Des einen Sperrmüll, des anderen Verhängnis: Wenn der neue Nachbar eingespielte Abläufe im Treppenhaus durcheinanderwirbelt.

Heute mal Filterkaffee: Träge wie die Wolken

An manchen Tagen gibt es nichts, wofür man sich beeilen sollte. Umso mehr Zeit bleibt dann, die eigene Umgebung wahrzunehmen.

Ohne Fahrschein: Wie bei Hänsel und Gretel

Eine Taube verirrt sich in die Berliner S-Bahn. So schnell wie hinein findet sie nicht mehr hinaus. Zum Glück haben ein paar Mitreisende Ideen.

Beobachtungen beim Bäcker: Die Kuchenthekenflüsterin

Vorsicht ist geboten beim Hantieren mit Brandteiggebäck. Genau wie beim Umgang mit Insekten. Immerhin, der Gebrauch eines alten Begriffs macht Freude.

Halt finden: Den Stein in beiden Händen

Sein ganzer Körper wackelt vor Panik: Höhenangst muss nicht rational sein. Wer hält hier eigentlich wen?

Proxied content from gemini://taz.de/%216222766 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216222766
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.