taz.de -- Vergewaltigungsprozess in Berlin: Verteidigung mimt Ahnungslosigkeit

Im Fall Frank S. konnte am Mittwoch kein Urteil gesprochen werden. Der Grund: Die Strafverteidigung hatte sich nicht auf den Schlussvortrag vorbereitet.

Bild: Proteste vorm Kriminalgericht Moabit am Mittwoch gegen sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung

Kein Urteil – so lautet das Fazit des eigentlich letzten Verhandlungstages im Fall Frank S. Vor dem Kriminalgericht in Moabit hatten sich am Mittwoch die Prozessbeteiligten aus Nebenklage, Staatsanwaltschaft und Strafverteidigung versammelt, um ihre Abschlussplädoyers zu halten. Anschließend sollte ein Urteil fallen. Doch die Verteidigung hatte kein Plädoyer vorbereitet.

Dem 68-jährigen Elektriker Frank S. wird vorgeworfen, in seiner Wohnung 14 Frauen betäubt und vergewaltigt zu haben. Die Taten soll er auf Video aufgezeichnet und im Internet geteilt haben. Die Ermittlungsbehörden gehen jedoch von deutlich mehr Betroffenen aus. Bis zu 59 Frauen sollen im Zeitraum von 2006 bis 2025 Opfer von Frank S. geworden sein.

Bereits am Dienstag verzögerte sich die Hauptverhandlung, weil die Strafverteidigung einen Befangenheitsantrag gegen den psychiatrischen Sachverständigen und einen weiteren Beweisantrag stellte. Beide Anträge wurden jedoch von der Kammer abgelehnt. Am Mittwoch wurde die Beweisaufnahme offiziell geschlossen. Da Teile der Hauptverhandlung nicht öffentlich waren, finden auch die Abschlussplädoyers per Gesetz unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Zu Beginn des Verhandlungstages am Mittwoch überrascht Strafverteidiger Jochen Schöffthaler damit, dass er kein Abschlussplädoyer halten kann. „Ich gebe ganz offen zu, dass ich nicht vorbereitet bin“, sagt er. Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal. Der Sicherheitsbeamte vor dem Ausgang muss unwillkürlich auflachen. Auch Schöffthalers Kollege Matthias Kleist sei nicht auf den Schlussvortrag vorbereitet, heißt es auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters.

150 Protestierende vor dem Gericht

Trotz fehlenden Urteilsspruches versammeln sich etwa 150 Menschen zum Protest vor dem Gericht. Neben Influencerin Noemi Ferrari und Autorin Nadine Primo, die die Veranstaltung organisiert haben, nehmen auch die Verlegerin Claudia Wuttke, Linken-Politikerin Kathrin Gebel, Aktivist Battal Yali und Aktivistin Lina Atari mit Redebeiträgen an der Kundgebung teil. Musikerin Polina Borrisova singt ein Klagelied, Rapperin Yung FSK 18 hat einen kurzen Auftritt und Rapperin Lena Stoehrfaktor rappt „Wir sind nicht alleine“, wozu sich im Publikum jemand eine Träne wegwischt.

Claudia Wuttke, die selbst Opfer von chemischer Unterwerfung geworden ist, spricht als Erste. Verurteilt wurde ihr Täter bisher nicht. Die Taten waren bereits nach fünf Jahren verjährt, weil die Situation trotz offensichtlicher Betäubung nicht als Ausnutzung einer schutzlosen Lage gewertet wurde. In solchen Fällen würde eine Vergewaltigung erst nach 20 Jahren verjähren. „Das war für mich schlimmer als die ganze Ermittlungsarbeit und die ganze Wahrheit an sich“, sagt Wuttke. Gegen die Einstellung der Verfahren hat Wuttke Beschwerde eingereicht.

Eine Community für Betroffene

Aktuell baut Wuttke eine Plattform für Betroffene auf, in der sie sich austauschen können, ohne groß erklären zu müssen. Am 25. November soll die Community mit dem Namen [1][ungebrochen] online gehen. Der Tag ist nicht nur der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, sondern auch der Tag, an dem Wuttke erfahren hat, dass der Großteil der Verfahren gegen ihren Täter eingestellt wird.

Der nächste Verhandlungstag im Fall Frank S. ist für den 28. Oktober angesetzt. Ob dann bereits ein Urteil gesprochen werden kann, ist offenbar davon abhängig, wie lang die Arbeit am Abschlussplädoyer der Verteidigung dauern wird.

14 Oct 2026

[1] https://ungebrochen.jetzt/

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Anna Simbürger

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