taz.de -- Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt: Razzien bei AfD-Männern wegen verbotener „Artgemeinschaft“

Kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt rückt die Polizei bei zwei AfD-Kandidaten an. Ihnen wird vorgeworfen, die rechtsextreme „Artgemeinschaft“ fortgeführt zu haben.

Bild: Die AfD Sachsen-Anhalt steckt mitten im Wahlkampf – nun wurden zwei Kandidaten unter Rechtsextremismus-Verdacht durchsucht

Das Treffen fand am Abend des 20. Juni statt, auf einem Gehöft in Ipse bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Auf dem Fest sollen damals Gesichter aufgetaucht sein, die man aus anderem Kontext kennt: [3][von der Ende 2023 durch das Bundesinnenministerium verbotenen rechtsextremen „Artgemeinschaft“]. Und auch der Gastgeber war kein Unbekannter. Es handelte sich um Simon Lansmann, Rinderzüchter und AfD-Landtagskandidat.

Am Donnerstagmorgen nun bekam Lansmann wieder Besuch, diesmal von der Polizei. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Halle wurden Immobilien von ihm und 14 weiteren Personen in fünf Bundesländern durchsucht. Ihnen wird vorgeworfen, die „Artgemeinschaft“ trotz Verbot fortzuführen. Unter ihnen war nach taz-Informationen auch Sebastian Koch, ein weiterer AfD-Landtagskandidat. Auch er soll bei dem Treffen am 20. Juni in Ipse dabei gewesen sein.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Halle bestätigte der taz, dass der zentrale Verdachtspunkt für die Durchführung der Maßnahme die Zusammenkunft am 20. Juni in Ipse war. Durchsuchungen habe es auch in Brandenburg, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gegeben.

Die AfD Sachsen-Anhalt und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund schwiegen zunächst zu den Durchsuchungen bei ihren Parteikollegen und ließen eine taz-Anfrage unbeantwortet.

taz berichtete früh über Verdacht

Die „Artgemeinschaft“ war [4][2023 von der damaligen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verboten] worden, weil sie rassistisches und völkisches Gedankengut verbreitete und eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus aufwies. Faeser sprach damals von einer „sektenartigen, zutiefst rassistischen und antisemitischen Vereinigung“. Das Verbot wurde [5][in diesem April vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt].

Den Verdacht, dass frühere Aktive die rechtsextreme Gruppe trotzdem fortführen, gab es schon länger. [6][Die taz hatte bereits im Mai ein Treffen im Brandenburger Dorf Arenzhain beobachtet], zu dem auch einstige Mitglieder angereist waren. Rund 70 Personen waren damals vor Ort, darunter auch Kinder. Zuvor hatte die taz über einen [7][Sprengstofffund auf dem Hof eines früheren Artgemeinschaftsmitglieds] in Weißenborn in Sachsen-Anhalt berichtet.

Fest mit Lied der Hitlerjugend

Zuletzt hatte dann der Spiegel das Treffen im Juni in Ipse offengelegt. Ein bekränzter Holzpfahl soll dort aufgestellt worden sein, Männer hätten mit Tierhörnern hantiert und ein Kampflied der Hitlerjugend gesungen. Auch die Partnerin von Gastgeber Simon Lansmann, der aktuell AfD-Stadtrat ist, stand laut Spiegel früher auf einer Mitgliederliste der „Artgemeinschaft“. Lansmann ließ danach dem Magazin über seinen Anwalt ausrichten, es sei kein illegales Treffen gewesen, von der „Artgemeinschaft“ oder nationalsozialistischem Liedgut distanziere er sich.

Die Razzien gegen die beiden AfD-Männer in Sachsen-Anhalt werfen erneut ein Schlaglicht [8][auf das radikale Personal des Landesverbandes]. Die dortige AfD war schon 2023 durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft worden. Im Umfeld von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund arbeiten heute auch Rechtsextreme einer anderen bereits 2009 verbotenen Neonazi-Gruppe, der [9][Heimattreuen Deutschen Jugend]. Siegmund tut diese Personalien bisher als lange zurückliegend ab.

27 Aug 2026

[3] /Rechtsextreme-Artgemeinschaft-verboten/!5962927

[4] /Rechtsextreme-Artgemeinschaft-verboten/!5962927

[5] /Verbot-der-Artgemeinschaft-bestaetigt/!6174992

[6] /Trifft-sich-hier-eine-Neonazisekte-trotz-ihres-Verbots/!6182535

[7] /Razzia-im-Burgenlandkreis/!6150258

[8] /Ulrich-Siegmund-und-Co/!6187384

[9] /Rechtsextreme-Verstrickungen/!5165308

AUTOREN

Konrad Litschko

TAGS

Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Schwerpunkt AfD

Rechtsextremismus

Verbot

„völkische Gesinnung“

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Brand in Sachsen-Anhalt: Jugendclub Mood und Kulturwerk Ost sind komplett zerstört

In Sachsen-Anhalt stehen Kulturräume unter AfD-Druck. In Gardelegen sind nun zwei davon abgebrannt. Die Betreiber sammeln Kräfte – und wollen weitermachen.

Forschung bei der Polizei Sachsen-Anhalt: „Ein Beamter sagte, viele Kol­le­g*in­nen fänden die AfD gut“

Die Soziologin Franziska Sujeba beobachtete die Polizei Sachsen-Anhalt wochenlang bei Einsätzen. Ihre Frage: Wie antisemitisch sind die Beamten?

Radikales AfD-Netzwerk: Der Sunnyboy des Rechtsextremismus

Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt AfD-Ministerpräsident werden. Wie radikal würde er regieren? Sein Werdegang und sein Umfeld geben Aufschluss.

Razzien bei der Artgemeinschaft: Das wahre Gesicht der AfD Sachsen-Anhalt

In der verbotenen Artgemeinschaft haben Rassismus, Nationalismus und Nazi-Ideologie einen Boden. In Sachsen-Anhalt ist das besonders deutlich.

Völkische Gruppe indoktriniert Kinder: Wo die Jungadler fliegen

Seit Jahren veranstaltet die völkische Gruppe „Jungadler“ konspirativ Zeltlager und indoktriniert Kinder – und hat Verbindungen bis zur AfD.

Drei Tage nach Gerichtsurteil: Trifft sich hier eine Neonazisekte trotz ihres Verbots?

Die taz beobachtet eine Feier auf einem Bauernhof in Brandenburg. Viele Gäste lassen sich der verbotenen „Artgemeinschaft“ oder deren Umfeld zurechnen.

Verbot der „Artgemeinschaft“ bestätigt: Kein Christbaumschmuck mit Hakenkreuzen mehr

Ex-Innenministerin Faeser hatte die rechte Sekte „Artgemeinschaft“ verboten. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Entscheidung nun für rechtmäßig erklärt.

Proxied content from gemini://taz.de/%216207605 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216207605
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.