taz.de -- Rechte instrumentalisieren Stade-Morde: Hetze gegen Integrationsverein
Die Frau, die den mutmaßlichen Täter nach Stade begleitet haben soll, arbeitet in Bremen bei einem Integrationsverein. In Stade war sie aber privat.
Bild: Nach der Tat bleiben viele offene Fragen – und Trauer: Blumen und Kerzen vor dem Tatort in Stade
Rechte Medien nutzen das Tötungsdelikt in Stade, bei dem am Montag [1][sechs Menschen in einem Mutter-Kind-Heim gestorben] sind, um gegen Vereine und Personen zu hetzen, die sich für Integration von Migrant:innen engagieren. „Migrationsaktivistin fuhr den Fluchtwagen“ titelte am Donnerstag die Junge Freiheit und einen Tag zuvor fast identisch das rechte Portal Nius. Am späten Donnerstagabend legte Nius noch einmal nach: „Sylvia S. ist Schwiegermutter von SPD-Migrationsbeauftragtem!“
Kurz zuvor hatte der niedersächsische Landtagsabgeordnete und ehrenamtliche niedersächsische Migrationsbeauftragte Deniz Kurku über seinen Anwalt mitgeteilt, Sylvia S. sei seine Schwiegermutter. Die 65-jährige Frau soll nach Medienberichten das Auto gefahren haben, mit dem der mutmaßliche Täter Fatih G. vom Tatort floh.
Anders als Fatih G. ist sie nach ihrer Festnahme entlassen worden und befindet sich nicht wie er in Untersuchungshaft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nur bekannt, dass sie ein enges Verhältnis zur Familie von Fatih G. hat. Weder bestätigt noch dementiert hat die Staatsanwaltschaft Medienberichte, nach denen Sylvia S. den mutmaßlichen Täter nach Stade gefahren hatte. Dasselbe gilt für einen Bericht des Spiegels, nach dem Fatih G. sie mit einer Waffe bedroht und zur Flucht gezwungen haben soll.
In Stade soll es ein Gespräch über sein Umgangsrecht mit der drei Monate alten Tochter gegeben haben. Diese lebte mit der Mutter in dem Heim. Fatih G. soll die beiden aus dem Zimmer geschickt haben, bevor er die [2][Mitarbeiter:innen der Einrichtung und des Jugendamts erschoss]. Gegen beide Eltern sowie gegen Sylvia S. ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Mord. Allerdings schreibt sie der taz auch: „Die Tatbeteiligung der beiden Frauen ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.“
Der Hintergrund der Tat ist laut Medienberichten ein Sorgerechtsstreit, den Sylvia S. in einem 20-seitigen Schreiben an Medien schildert, das auf drei Tage vor der Tat datiert und mittlerweile auch der taz vorliegt. Darin bezeichnet sie sich als Patentante des Kindes. Sie listet detailliert und chronologisch aus ihrer Sicht die Ereignisse auf, nachdem die Eltern laut Schreiben am 12. April mit dem fünf Wochen alten Kind in die Kinderklinik gefahren waren, weil es sich übergab und zuckte.
Die Kinderklinik verdächtigte die Eltern, dem Baby Anfang April schwere Kopfverletzungen zugefügt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt laut einem Sprecher gegen die Eltern wegen des Verdachts auf Misshandlung Schutzbefohlener. Mitte Mai wurde das Kind laut Sylvia S. vom Jugendamt in Obhut genommen und zwölf Tage von beiden Eltern getrennt, bis die Mutter mit ihm in das Heim ziehen durfte.
Aufgrund des Schreibens von Sylvia S. wurde bekannt, dass sie als eine von zwei Mitarbeiterinnen in Teilzeit in Bremen beim Verband binationale Familien und Partnerschaften arbeitet, einem kleinen, vor 55 Jahren gegründeten Verein mit acht Beratungsstellen in acht Bundesländern. In Bremen setzt er sich vor allem für afrodeutsche Kinder ein. Aufgrund der Berichterstattung von Nius kursiert in sozialen Medien unter rechten Hetzer:innen mittlerweile der volle Name von Sylvia S. Sogar den Stadtteil, in dem sie leben soll, hatte Nius veröffentlicht.
Auch seriöse Medien bedienen das von Nius verbreitete Narrativ, eine „Lobbyorganisation des Migrationskomplexes“ sei [3][mitverantwortlich] für die Tat. Auf dem Sender [4][WeltTV] verortet ein freier Journalist den Verband binationaler Familien und Partnerschaften in der „vom Staat geförderten“ „Migrationsszene“, die „eine zu große Nähe zu einem Klienten zugelassen hat“. Gleichzeitig sagt er, dass er keine Informationen habe, auf die er seine Spekulation stützt, da er mit dem Verein nicht gesprochen habe.
Der taz schrieb eine Sprecherin des Bundesverbands binationaler Familien mit Sitz in Frankfurt, die Familie sei zu keinem Zeitpunkt Ratsuchende der Geschäftsstelle Bremen gewesen, zumal sie nicht in Bremen, sondern im Großraum Hannover lebt und die Eltern nicht binational sind. „Die von Ihnen erwähnte Mitarbeiterin war am Montag, dem 29.6.2026, nach unserem bisherigen Kenntnisstand ausschließlich in privater Eigenschaft unterwegs, nicht in ihrer beruflichen Funktion und nicht im Auftrag der Geschäftsstelle Bremen.“
3 Jul 2026
LINKS
[1] /Was-wir-aus-der-Gewalttat-in-Stade-lernen-sollten/!6192386
[2] /Nach-der-Gewalttat-in-Stade/!6193160
[3] /Toetungsdelikt-in-Bremen/!6192011
[4] https://www.welt.de/videos/video6a4642049d95f781faef6686/sechs-tote-in-stade-fluchtwagen-fahrerin-soll-migranten-beraten-haben-zu-grosse-naehe-zu-einem-klienten-zugelassen.html?icid=search.product.onsitesearch#Comments
AUTOREN
Eiken Bruhn
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