taz.de -- Polizeiliche Kriminalstatistik: Verbrechenszahlen mit bedingter Aussagekraft

2025 hat die Polizei insgesamt weniger Verbrechen registriert – aber mehr Vergewaltigungen. Der Anteil ausländischer und jugendlicher Verdächtiger sinkt.

Bild: Hantiert gern mit ausgedruckten Grafiken: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU)

Weniger Verbrechen insgesamt wurden im Jahr 2025 erfasst, dafür aber mehr schwere Taten, insbesondere sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen. Diese Trends gehen aus der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) hervor, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), BKA-Chef Holger Münch und Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) am Montag vorgestellt haben. Alle drei nutzten den Anlass, um für mehr Ermittlungsbefugnisse für die Polizei zu werben. Dobrindt zog insgesamt ein verhaltenes Fazit, und sagte, es gebe „keinen Grund zur Entwarnung.“

Die Gesamtzahl aller erfassten Fälle sank um rund 5 Prozent auf etwa 5,5 Millionen. Während die meisten Delikte seltener registriert wurden und auch die Gewaltkriminalität um rund zwei Prozent sank, nahm die Zahl registrierter Vergewaltigungen und anderer sexueller Übergriffe um rund 10 Prozent zu.

Die Zahl der Tatverdächtigen nahm um rund 2 Prozent ab, der Rückgang in den Untergruppen der Jugendlichen und Ausländer*innen war mit jeweils um die 7 Prozent noch deutlicher. Die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg dagegen um etwa 3 Prozent. Die Aufklärungsquote lag quasi unverändert zu den Vorjahren bei etwa 60 Prozent.

Grafiken sollen Abschiebepolitik rechtfertigen

Einen besonderen Fokus legte Dobrindt auf die ausländischen Tatverdächtigen, deren Anteil an der Gesamtzahl der Verdächtigen trotz Rückgang bei über 40 Prozent liegt. Dobrindt nutzte dies, um mit ausgedruckten Grafiken herumzuhantieren, die den Rückgang mit seinem [1][harten Kurs in der Flüchtlingspolitik] in Verbindung bringen sollten. Außerdem bekräftigte er die Pläne seines Ministeriums für eine Speicherung von IP-Adressen und erweiterte digitale Ermittlungskompetenzen für die Polizei. Beides soll das Bundeskabinett in den nächsten Tagen beschließen.

Insbesondere bei ausländischen Tatverdächtigen ist die Aussagekraft der Polizeistatistiken allerdings umstritten. Die Kriminologieprofessorin Gina Rosa Wollinger Hochschule für Polizei und Verwaltung Nordrhein-Westfalen sagte der taz: „Viele verschiedene Faktoren verzerren die Statistik.“ So werden etwa auch Delikte wie unerlaubte Einreisen gezählt, die schon qua Definition nur von Ausländer*innen begangen werden können. Dazu kommen Straftaten durch Touristen und Personen, die nur zu diesem Zweck nach Deutschland gekommen sind, etwa Einbrecherbanden.

Im Schnitt sind Ausländer zudem häufiger arm, männlich und leben in Städten. All das geht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, eines Verbrechens überführt zu werden – auch weil im urbanen Raum mehr Polizeikontrollen stattfinden. Studien zeigen nicht nur, dass die Anzeigebereitschaft deutlich erhöht ist, wenn die Täter*innen als nicht deutsch wahrgenommen werden, sondern auch, dass [2][die Polizei solche Menschen öfter kontrolliert]. Entsprechend lassen sich die PKS-Zahlen nicht direkt in Bezug zum Anteil von Ausländer*innen an der Bevölkerung in Deutschland setzen, der bei etwa 15 Prozent liegt.

Kriminologin: Tätigkeitsbericht statt akkurates Abbild

Insgesamt sei die Statistik eher als „Tätigkeitsbericht der Polizei“ zu verstehen, denn als akkurates Abbild der Kriminalität in Deutschland, sagte Kriminologin Wollinger. Das Dunkelfeld nicht angezeigter Taten sei riesig. Darüber hinaus finde in der PKS als sogenannter Ausgangsstatistik nur solche Fälle Eingang, die von der Polizei erfolgreich abgeschlossen und einer Staatsanwaltschaft übergeben werden. Ob es anschließend zu einem Urteil oder Freispruch kommt, ist egal.

Außerdem, so Wollinger, würden wichtige Tatkomplexe vernachlässigt, einfach weil die Öffentlichkeit sich für sie kaum interessiere. „[3][Wirtschaftskriminalität] ist nie ein großes Thema, obwohl sie riesige Schäden verursacht“, so die Professorin. „Aber solche Taten emotionalisieren nicht so sehr, wie gewalttätige Übergriffe.“

Deshalb sei es auch begrüßenswert, dass parallel zur PKS dieses Mal mit der [4][Skid-Studie auch eine Dunkelfelduntersuchung] vorgestellt wurde, so die Kriminologin. Die war Dobrindt, Münch und Grote am Montag zwar nur einige Sätze wert, zeigt aber, [5][wie weit die PKS-Zahlen wohl von der Realität entfernt sind]. So werden demnach etwa nur ein Drittel der Körperverletzungen angezeigt, ähnlich ist die Lage bei Sachbeschädigung und Betrug. Selbst Wohnungseinbrüche werden nur in rund 60 Prozent der Fälle angezeigt.

Gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit

Wie gesellschaftliche Entwicklungen die PKS-Zahlen verzerren, zeigt sich auch am Anstieg bei den registrierten Vergewaltigungen. Hamburgs Innensenator Grote, der gerade auch der Landesinnenministerkonferenz IMK vorsitzt, verwies darauf, dass diese Entwicklung sich wohl eher nicht aus einer Zunahme tatsächlicher Taten erkläre, sondern eher aus einer gestiegenen Anzeigebereitschaft. Dafür spricht etwa, dass zuletzt besonders viele Taten angezeigt wurden, die schon Jahre zurückliegen. Auch Kriminologin Wollinger sagt, es deute „einiges“ auf einen solchen Zusammenhang hin.

Die Skid-Studie zeigt aber, dass der allergrößte Teil der sexualisierten Übergriffe weiterhin nicht angezeigt wird. Bei körperlicher Belästigung liegt die Anzeigequote etwa bei weniger als 3 Prozent, bei den Vergewaltigungen sind es knappe 6 Prozent.

Grote betonte insbesondere die steigende Bedeutung von Taten im Netz, etwa für Deepfake genannte maschinell erzeugte Nacktfotos. Über das Phänomen war zuletzt im Zusammenhang mit dem Fall der Schauspielerin Collien Fernandes und ihres Ex-Mannes Christian Ulmen öffentlich viel diskutiert worden. Grote lobte hier das [6][Gesetz für digitalen Gewaltschutz], für das Bundesjustizministerin Stefanie Hubig am Freitag einen Entwurf vorgelegt hatte.

20 Apr 2026

[1] /Abschiebebeobachtung-in-Hamburg/!6171128

[2] /Racial-Profiling-bei-der-Polizei/!6096129

[3] /Jurist-wegen-Panama-Papers-vor-Gericht/!6171143

[4] https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/Ergebnisse/Ergebnisse_node.html

[5] /Zunahme-der-Sexualstraftaten/!6172429

[6] /Gesetzentwurf-gegen-digitale-Gewalt/!6171844

AUTOREN

Frederik Eikmanns

TAGS

Kriminalstatistik

Alexander Dobrindt

Gewaltverbrechen

Sexualisierte Gewalt

GNS

ARTIKEL ZUM THEMA

Polizeiliche Kriminalstatistik: Die Verbrecher sind alle Männer

Ob Sexualdelikte oder Gewässerverschmutzung. Die meisten Verbrechen werden von Männern begangen. Besser, man kommt ihnen nicht zu nah.

Polizeiliche Kriminalstatistik: Was die Zahlen verschweigen

Die Kriminalität sinkt – zumindest auf dem Papier. Doch während die Politik selektive Zahlen präsentiert, bleibt die Realität für viele unsichtbar.

Kriminalbeamter zu Gewalt gegen Frauen: Das Risiko Mann

Ein kritischer Satz über Männer als Gefahr für Frauen geht viral, weil er von einem Mann kommt. Dabei spricht die Statistik für sich.

Nationalitäten-Nennung bei Straftaten: Statistische Hetze

Hamburgs CDU fordert, bei Straftaten alle Nationalitäten aller Beteiligten zu nennen. Das normalisiert Rassismus unterm Deckmantel der Objektivität.

Straffällige Aus­länder*innen: Es ist nicht der Pass

Aus­län­de­r*in­nen sind in der BKA-Kriminalstatistik überrepräsentiert. Das überrascht bei Armut und psychologischer Unterversorgung kaum.

ifo-Studie zu Kriminalitätsfaktoren: Migration allein macht niemanden kriminell

Studien belegen immer wieder, dass sozioökonomische Faktoren Kriminalität schaffen. Wer das Problem nur auf Migration schiebt, verhindert deren Bekämpfung.

Proxied content from gemini://taz.de/%216172363 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216172363
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.