taz.de -- Zunahme der Sexualstraftaten: Weit hinter der Realität zurück
Obwohl die Zahl der angezeigten Sexualdelikte gestiegen ist – über die reale Gewalt sagt das nur wenig aus. Es braucht noch viel mehr Licht im Dunklen.
Bild: Großes Dunkelfeld in der Kriminalitätsstatistik zu Sexualstraftaten: Demo zum Frauenkampftag 2026 in Berlin
Das Dunkelfeld ist riesig. Sexuelle Nötigung, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung – in den meisten Fällen werden Sexualstraftaten nie zur Anzeige gebracht. Mutmaßlich nur sechs Prozent von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung waren es im Jahr 2023. Das zeigt eine [1][Dunkelfeldstudie des BKA], die am Montag zeitgleich mit Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2025 veröffentlicht wurde.
Wenn die am Montag veröffentlichte PKS also eine Zunahme der Sexualdelikte verzeichnet, ist das erstmal – so komisch es klingen mag – keine schlechte Nachricht. Es bedeutet nicht unbedingt, dass dass sexualisierte Gewalt zugenommen hat, sondern vor allem: Mehr Menschen bringen existierende sexualisierte Gewalt zur Anzeige. Es heißt, die Polizei ermittelt häufiger. Und es heißt auch: Mehr Frauen, welche den ganz überwiegenden Teil der Betroffenen ausmachen, wehren sich.
Natürlich wäre es immer besser, diese Gewalt gäbe es erst gar nicht. Die Realität ist aber: Es gibt sie. In allen gesellschaftlichen Milieus. Die Tatverdächtigen sind laut Statistik zum [2][Großteil Freunde und Bekannte] und in 98,6 Prozent der Fälle männlich.
Dass sexualisierte Gewalt heute sichtbarer wird, ist dem jahrelangen Einsatz vieler Feminist:innen zu verdanken. So hat zu der gestiegenen Anzeigebereitschaft dem BKA zufolge das „Nein heißt Nein“ Gesetz beigetragen, das seit 2016 regelt: Ein verbales oder auch nonverbales „Nein“ reicht aus, damit ein Übergriff strafbar ist. Betroffene müssen sich seitdem nicht mehr körperlich wehren. Auch die MeToo-Bewegung spielt laut BKA eine Rolle. So sorgte der schockierende Fall der Französin Giséle Pelicot für internationale Aufmerksamkeit. Ihr zentrales Credo „Die Scham muss die Seite wechseln“ [3][hat viele Frauen ermutigt], nicht länger still zu sein.
Doch weiterhin schützt der Staat die Hälfte der Bevölkerung nicht ausreichend. Zu oft erleben Betroffene von sexualisierter Gewalt ein belastendes, [4][erniedrigendes und langwieriges Verfahren] mit geringen Aussichten auf eine Verurteilung. Das Bewusstsein in den Institutionen muss sich ändern: Es braucht mehr Ressourcen und mehr Sensibilisierung bei Polizei und Gerichten. Die Länder müssen das beschlossene Gewalthilfegesetz umsetzen und endlich für einen Ausbau der Frauenhausplätze sorgen. Es braucht Initiativen für Prävention und den Ausbau der Täterarbeit.
Wenig hilft es hingegen, wenn vor allem männliche Politiker ihren ersten Appell an die betroffenen Frauen richten. Wie etwa Andy Grote (SPD), der am Montag verlauten ließ, es brauche „weiterhin den Mut der Frauen zur Anzeige“, oder wenn Alexander Dobrindt, [5][wie vor ein paar Monaten geschehen], sagt: „Die Opfer wollten die Tat oft nicht wahrhaben.“ Die Opfer wissen sehr wohl, womit sie es zu tun haben. Nur wissen sie auch, dass sie bislang viel zu oft auf sich alleine gestellt sind.
20 Apr 2026
LINKS
[1] https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/Ergebnisse/Ergebnisse_node.html
[2] /Polizeiliche-Kriminalstatistik/!6131692
[3] /Gisele-Pelicot-und-die-Nachwirkungen/!6153047
[4] /Anwaeltin-zur-Dunkelfeldstudie-Das-Ausmass-der-Gewalt-in-Beziehungen-ist-erschuetternd/!6153546
[5] /Gewalt-in-Deutschland/!6153305
AUTOREN
Amelie Sittenauer
Gewalt gegen Frauen
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