taz.de -- Buch über Augenzeugenberichte aus Gaza: Erzählungen aus einem fernen Inferno
Die syrische Autorin Samar Yazbek hat Überlebende aus Gaza interviewt. Das von ihnen dokumentierte Leid soll Eingang ins kollektive Gedächtnis finden.
Bild: Weitreichende Zerstörungen in Gaza-Stadt nach israelischen Angriffen
Gleich zu Beginn – dieses Buch liest niemand gern. Es ist gut editiert und hervorragend übersetzt. Es ist aber schwer erträglich, sich mit den Überlebensberichten von Menschen aus [1][Gaza im Krieg] zu konfrontieren. Sie sind allerdings ein Teil der Wahrheit, ebenso wie die Berichte der [2][befreiten israelischen Geiseln von Hamas]. Palästinensische und israelische Zivilistinnen und Zivilisten, die Leidtragenden von extremistischer Politik.
Das Buch besteht aus Aussagen von 27 Palästinenser:innen aus Gaza zwischen 13 und 65 Jahren: Männer, Frauen und Teenager, ein Querschnitt der Gesellschaft. Der Gazastreifen ist etwas größer als Bremen, hat jedoch fast 3,5-mal mehr Einwohner, die Hälfte von ihnen unter 18 Jahren. Die Berichtenden sind also überwiegend jünger. Alle entkamen dem Krieg – traumatisiert, schwer verletzt, amputiert, entstellt, und meist waren sie die einzigen Überlebenden ihrer Familien.
Samar Yazbek hat sie 2024 in Doha interviewt. Im Vorwort beschreibt die gebürtige Syrerin das Bild von Palästinensern auf Rollstühlen, „ein Schwarm schwarzer Vögel“, sie verkörperten „die Niederlage der Menschlichkeit“. Die Exilautorin, u. a. ausgezeichnet mit dem Kurt-Tucholsky-Preis, motivierte die universelle Frage, was mit menschlichem Schmerz passiere, wenn er nicht wahrgenommen wird und es keine Gerechtigkeit gibt.
Sie selbst floh 2011 mit ihrer Tochter von Damaskus nach Paris und ist auch als Bürgerrechtlerin aktiv. Das kollektive Gedächtnis betreffe uns alle, sagt sie: Ein „einziges Ich ist die ganze Welt“. Die dokumentierten Aussagen sind, gemessen am Horror, den die Menschen erlebten, erstaunlich nüchtern und politisch kaum aufgeladen. Larmoyanz oder Propaganda spielen hier keine Rolle. Manche Befragte gaben zu Papier, Israelis in diesem Krieg zum ersten Mal persönlich „begegnet“ zu sein. Oft distanzieren sie sich sprachlich von ihnen durch ein allgemeines „sie“: „Sie stürmten das Krankenhaus“ oder „Ihre Rache war brutal.“ Auch Hamas kommt nur am Rande vor. Eine Frau äußert Kritik an der patriarchalen Struktur ihrer überwiegend traditionell geprägten Gesellschaft, sie wollte ihren Namen nicht nennen.
Das Erleben der Betroffenen steht im Vordergrund
Viele erzählen von den [3][KI-gesteuerten Waffen] der israelischen Armee: den Aerosolbomben, den Fassbomben oder den Drohnen, die selbst Kinder ins Visier nahmen. Ihre Schilderungen von zerfetzten Körpern, Blut und Fleischmassen, von Maden in den mangelhaft versorgten Wunden, von Leichenbergen und unbeschreiblichen Zuständen in den Krankenhäusern wirken wie Erzählungen aus einem fernen Inferno, unbegreiflich. Sie beleuchten das Ausmaß des Kriegsgeschehens, über das nur lokale Medien halbwegs berichten konnten. Ein abgetrenntes Bein galt den völlig überforderten Ärzten als „leichte Verletzung“.
Vieles lässt sich nicht verifizieren, weshalb nicht alles für bare Münze zu nehmen ist. Jedoch steht in den Zeugenberichten das Erleben der Betroffenen im Vordergrund. Dabei wiederholen sich häufig Einzelheiten, die ein Muster der israelischen Kriegsführung abbilden.
„Es gibt keine [4][Kinder in Gaza]; wir müssen zu schnell erwachsen werden“, so eine 13-Jährige, die als einzige das Bombardement eines UN-Busses überlebte. Es gab viele Kinder, die sich nützlich machen wollten, indem sie versprengte Körperteile sammelten. Ein 16-Jähriger berichtet, welche Gewalt sich wegen eines Schlucks Wasser auch untereinander entfaltete; wer rücksichtsvoll war, ging leer aus.
Samar Yazbek ertrug es, die Geschichten der Betroffenen anzuhören, nun mutet sie sie ihren Lesern zu. Es sind Dokumente unermesslichen Leids. Die Autorin betont zugleich, dass ihre Gesprächspartner des Mitleids nicht bedürften. Fast alle träumen davon, eines Tages nach Gaza zurückzukehren.
25 Apr 2026
LINKS
[1] /Podcast-zum-Gaza-Krieg/!6170891
[2] /Nach-738-Tagen-in-Hamas-Gefangenschaft/!6119852
[3] /Kuenstliche-Intelligenz-im-Krieg/!6165983
[4] /Kinder-im-Gazastreifen/!6006612
AUTOREN
Alexandra Senfft
Politisches Buch
Schwerpunkt Nahost-Konflikt
Gaza-Krieg
Palästinenser
ARTIKEL ZUM THEMA
Buch über Haltung im Nahostkonflikt: Wem steht Solidarität zu?
Steffi Hentschke erzählt in „Manchmal würde ich gern schreien“ über ihr Ringen um die „richtige“ Haltung im Nahostkonflikt.
Stück über Schrecken des Kriegs in Köln: Die Apokalypse tangiert uns peripher
Regisseur Sebastian Baumgarten will am Schauspiel Köln mit „Vergeltung“ den Krieg spürbar machen. Was bleibt, ist ein schrecklich magerer Abend.
Sachsens „Jahr der jüdischen Kultur“: Zu viel Tacheles
Die Künstlerin Nirit Sommerfeld hat in Chemnitz eine Gesprächsreihe mit jüdischen Gästen organisiert. Doch die Förderung wurde zurückgezogen. Warum?
Die Linke und der Islamismus: Einladung zur Nuancierung
Welche herrschaftskritischen Theorieangebote zeichnen ein differenziertes Bild des politischen Islam? Anmerkungen zu Vorschlägen von Stephan Grigat.
Kritische Theorie gegen Islamogauchisme: Islam – Kritik und Apologie von links
Marx kritisierte die „bequeme Zweiteilung“ in Gläubige und Ungläubige im Islam. Horkheimer attestierte der Religion einen immanenten Hang zur Gewalt.