taz.de -- Stück über Schrecken des Kriegs in Köln: Die Apokalypse tangiert uns peripher

Regisseur Sebastian Baumgarten will am Schauspiel Köln mit „Vergeltung“ den Krieg spürbar machen. Was bleibt, ist ein schrecklich magerer Abend.

Bild: Was mit dem Alltag beginnt, kippt bald darauf. Das Ensembles in „Vergeltung“

Wie fühlt sich Krieg an? [1][Das Schauspiel Köln] will ihn, den wir vornehmlich aus dem heimischen Fernseher kennen, mit der Uraufführung von „Vergeltung“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Gert Ledig von 1956, leibhaftig erfahrbar machen. Die meiste Zeit befinden wir uns im luftschutzkellerartigen Dunkeln, lediglich vier kleine rote Lampen sind zu sehen, während im Live-Hörspiel aus unterschiedlichen Richtungen Sprecher:innen zu hören sind.

Es sind Stimmen aus dem Vorhof zur Hölle: Ein Pilot, dessen Flugzeug getroffen wurde, ein Ehepaar, dessen Wohnung man beschießt. Derweil droht Verschütteten einige Meter weiter der Erstickungstod. Dazwischen Menschen, die in Phosphor verbrennen. Eine deutsche Stadt im Kugelhagel der US-amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.

Um die Brachialität der Ereignisse zu befördern, setzt Regisseur [2][Sebastian Baumgarten] nicht allein auf die dramatischen, abwechselnd zwischen den Erzählsträngen springenden Dialoge, sondern insbesondere auf einen durchweg lauten Sound. Die Percussion schlägt ein wie Bomben, melodischen Fetzen überlagern sich und knallen gegeneinander, ganz so, [3][als befände man sich in einem Stockhausen-Konzert]. Immer wieder schreckt man auf, wähnt sich in einer Geisterbahn. Ebenso durch die Beleuchtung, die uns mit Neonlicht gleich einem Blitz mehrfach blendet. Eine derartige Gewaltästhetik muss doch überwältigen, sollte man meinen.

Und doch verläuft sie effekthascherisch im Sand. Da die Darsteller:innen (u. a. Nikolaus Benda, Rebekka Biener, Sarah Sandeh), wie eine Projektion zeigt, fast nur hinter der Bühne in einem Studio agieren, bleibt das Geschehen in der Distanz. Beinah zwei Stunden primär auf Stimme und Text in der Finsternis zu setzen, ermüdet statt zu ergreifen. Hinzu kommt die gigantische, allerdings fast ungenutzte Kulisse. Erhellt sich die Bühne jeweils für wenige Minuten, blicken wir auf eine U-Bahn-Station. Insgesamt sechs Standbilder zeigt man uns im Laufe des Abends.

Dem Schauerlichen fehlt das Spiel

Anfangs noch wenig spektakulär nehmen wir Polizist:innen, Obdachlose und Wartende am Zugsteig wahr. Was mit dem Alltag beginnt, kippt bald darauf. Nachdem noch ein Pulk von Männern zwei Frauen bedrängen, wartet die letzte Szene, wiederum flankiert von krassem Bass und harten Beats, mit einer Horrorshow auf. Nun klettern allerlei Gestalten mit angsteinflößenden Masken und teils schwer bewaffnet über die Gleise herüber. Wie fremdbestimmt, rüttelt sie die Musik durch. Spätestens jetzt steht fest: Die Komfortzone ist also passé.

Und mit ihr ein magerer, in weiten Teilen einfallsloser Theaterabend, der mit verhaltenem Höflichkeitsapplaus sein Ende findet. Er hätte kürzer und konzentrierter sein können, er hätte einer Regie bedurft, die uns das Schauerliche durch beherztes Spiel in die Nähe bringt. Selbst vereinzelte Aufnahmen aus Köln mit beliebigen Leuten, die bei der Vorstellung einzelner Figuren des Hörspiels eingeblendet werden, lösen diesen Anspruch kaum ein. Zweifelsohne hat man einen schrecklichen Abend erlebt, mitunter auch schrecklich öde.

26 Apr 2026

[1] /Neuer-Intendant-am-Schauspiel-Koeln/!6112680

[2] https://taz.de/Ueberall-nur-Ausbeutung/!5906211/

[3] /Biographischer-Comic-ueber-Stockhausen/!5887030

AUTOREN

Björn Hayer

TAGS

Krieg

Theater

Köln

Schauspiel

Bühne

ARTIKEL ZUM THEMA

Premiere am Berliner Theater Thikwa: Wo ist sie geblieben?

Wem gehört die Zeit? Mit „Slow Mo“ zeigt das Theater Thikwa eine politische wie persönliche Performance über die Macht der Zeit und das Innehalten.

Krieg in der Ukraine: War-Life-Balance – der Alltag in Lwiw

Humor hilft, auch mit der grausamsten Realität zurechtzukommen. In der Ukraine hat sich der Begriff War-Life-Balance eingebürgert.

Buch über Augenzeugenberichte aus Gaza: Erzählungen aus einem fernen Inferno

Die syrische Autorin Samar Yazbek hat Überlebende aus Gaza interviewt. Das von ihnen dokumentierte Leid soll Eingang ins kollektive Gedächtnis finden.

Maggie Nelson an der Berliner Schaubühne: Mittelmäßige Depression

Die Schaubühne eröffnet das FIND-Festival mit Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons „Bluets“ und enttäuscht mit viel Technik und wenig Körper.

Proxied content from gemini://taz.de/%216174005 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216174005
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.