taz.de -- Nach Zyklon Harry: 380 Mi­gran­t:in­nen im Mittelmeer vermisst

In Tunesien gelten mehrere Boote auf dem Weg nach Lampedusa als verschollen. Trotz des Unwetters wagten viele wegen der Not vor Ort die Überfahrt.

Bild: Angespülte Mi­gran­t:in­nen­boo­te nahe der tunesischen Hafenstadt Sfax, hier im Mai 2023

Auf Sizilien, Malta und in Tunesien laufen derzeit die Aufräumarbeiten nach [1][Zyklon Harry] auf Hochtouren. Auf beiden Seiten des Mittelmeers hatten am vergangenen Montag die stärksten Regenfälle seit über 70 Jahren und das schlagartig ansteigende Meer Häfen und hunderte Gebäude schwer beschädigt.

Fünf Tote barg der tunesische Zivilschutz aus überfluteten Häusern und Autos, die von den Sturzfluten mitgerissen worden waren. Viele Bewohner der Küstenstädte Hammamet und Nabeul wurden von der Wucht des Unwetters trotz Warnungen der italienischen und tunesischen Wetterdienste völlig überrascht.

Doch während die tunesischen Medien von der weitergehenden Suche der tunesischen Küstenwache nach drei vermissten Fischern berichten, dürfte die Zahl der Opfer des Zyklons wesentlich höher sein als bisher bekannt.

[2][Aktivisten] und nahe der Hafenstadt Sfax lebende Migrant:innen und Flüchtlinge suchen nach 380 Menschen, die kurz vor Beginn des Unwetters mit mehreren Booten zur Überfahrt Richtung Lampedusa aufgebrochen waren. Rettungsschiffe konnten am Freitag vor Malta einen Überlebenden aus dem Mittelmeer bergen, von den anderen 50 Passagieren seines Bootes sowie den anderen Gruppen fehlt jede Spur. Dass die oft in wenigen Stunden zusammengeschweißten Metallboote den sieben Meter hohen Wellen der letzten Woche standhalten konnten, ist unwahrscheinlich.

Desolate Lage in Geflüchtetencamps

Für die Migrant:innen, die in den selbstorganisierten Camps in den Olivenhainen nördlich der Industrie- und Handelsstadt Sfax leben, ist die Lage derzeit besonders ernst. Viele der aus Holz und Plastikplanen notdürftig zusammengebauten Zelte stehen durch die Regenfälle der letzten Wochen unter Wasser, [3][die tunesische Nationalgarde rückt regelmäßig in die Zeltstädte ein und zerstört sie]. Angehörige und Freunde der am Montag und Dienstag auf eigene Faust Aufgebrochenen warten verzweifelt auf Lebenszeichen der Vermissten.

„Die Gefahr des angesagten Sturms war zumindest denjenigen klar, die entschieden haben, loszufahren“, sagt Abubaker aus Sierra Leone. Auch sein Cousin war am Montag um 2 Uhr morgens in eines der Boote gestiegen – nur Stunden bevor ganze Strandabschnitte von Wellenbergen verschluckt wurden.

„Die Verzweiflung meines Cousins über die aktuellen Lebensumstände im Camp war größer als seine Angst“, sagt Abubaker der taz am Telefon. „Hilfsorganisationen ist es verboten, Kranken und Schwangeren zu helfen, es gibt kaum noch etwas zu essen und es gibt viele Abschiebungen in die Wüste.“

Der 36-Jährige berichtet, die Organisatoren der Überfahrten hätten die Passagiere mit dem Argument überzeugt, dass die tunesische Küstenwache sich wegen des drohenden Zyklons in die Häfen zurückgezogen habe und die Chancen für eine Überquerung des Mittelmeers daher besonders gut seien.

25 Jan 2026

[1] /Klimafolgen/!6147744

[2] /Urteil-in-Tunesien/!6143234

[3] /Tunesien-raeumt-Fluechtlingscamps/!6080850

AUTOREN

Mirco Keilberth

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