taz.de -- Trumps Grönland-Fantasien: Das Ende von Europa
Die Verteidigung der europäischen Länder funktioniert nicht ohne die USA. Das weiß Trump ganz genau. Putin aber auch.
Bild: Nato-Übung im vergangenen Jahr in Nuuk: Die komplette Schutz- und Abschreckungs-strategie des Militärbündnisses droht obsolet zu werden
Russlands Präsident Wladimir Putin dürfte seit dem Wochenende eine ziemlich gute Zeit haben. Nicht nur, dass [1][US-Präsident Donald Trump völkerrechtswidrig Venezuela angegriffen], Präsident Nicolás Maduro entführt und damit deutlich gemacht hat: Internationales Recht gilt nicht mehr, wenn man eine militärische Großmacht ist. Sondern auch, [2][weil er sich als Nächstes Grönland holen will] – in etwa 20 Tagen. Damit ist Putins Ziel, dass Russland bis nach Lissabon reichen soll, in greifbare Nähe gerückt. Vermutlich wesentlich schneller, als er es sich in seinen Träumen ausgemalt hat.
Grönland mit seinen knapp 57.000 Einwohnern ist Teil Dänemarks, eines Nato-Mitglieds. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen warnte bereits, dass ein US-Angriff auf Grönland dem Ende des Verteidigungsbündnisses gleichkäme. Denn wenn der stärkste Alliierte einen kleineren, eindeutig unterlegenen Partner angreift, den es eigentlich schützen soll, dann ist die komplette Schutz- und Abschreckungsstrategie der Nato obsolet.
Nur: Ein Europa ohne Nato wird nicht überleben, die USA sind sein größter Verbündeter. Vor allem kleinen Staaten wie den baltischen Ländern oder jenen mit einer zerklüfteten Küste wie Norwegen ist es nur aufgrund des Nato-Schutzes möglich, auf Frieden zu vertrauen.
Die USA sind zudem für den nuklearen Schutz zuständig, da europäische Atomwaffen allein zur Abschreckung nicht ausreichen. Generell werden viele zentrale strategische Fähigkeiten und Waffensysteme fast ausschließlich von den US-Amerikanern eingebracht. Kurzum: [3][Die Europäer sind komplett abhängig von den USA.] Russland ist bislang nicht im Baltikum einmarschiert, weil die Abschreckung einer US-geführten Nato funktioniert.
Die Forderungen, dass Europa auch ohne die USA verteidigungsfähig sein müsse, wurden bereits während Trumps erster Amtszeit laut. Mit seiner Wahl Ende 2016 begann Europa aufzurüsten. Die EU gründete 2017 Pesco (Kofferwort für Permanent Structured Cooperation, zu Deutsch: ständige strukturierte Zusammenarbeit), bei der die Mitgliedstaaten ihre Militärarbeit gemeinsam entwickeln und koordinieren. Pesco gilt als Startpunkt für eine spätere Verteidigungsunion und EU-Armee, um die Position gegenüber den USA zu stärken. Ausgerechnet Dänemark machte bei Pesco zunächst nicht mit. Es schloss sich erst nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine an.
Trotz dieser Bemühungen ist eine Verteidigungssouveränität der Europäer nach wie vor in weiter Ferne. Sollte Trump Ernst machen und Grönland angreifen, wäre dies das Ende von Europa – das Ende eines Lebens, wie wir es kennen.
6 Jan 2026
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AUTOREN
Eva Fischer
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