taz.de -- Vorwürfe gegen israelischen Premier: Netanjahu ignorierte Warnungen vor dem 7. Oktober

Mitten im Wahlkampf zeigt eine Recherche der Zeitung „Ha’aretz“: Netanjahu wurde auf höchster Ebene vor einem Hamas-Angriff gewarnt – und blieb untätig.

Bild: Immer wieder fordern Demonstrierende eine offizielle Untersuchung der Ereignisse vom 7. Oktober in Tel Aviv, Israel

Diese Nachricht könnte vor den im Oktober anstehenden Wahlen in Israel für Aufruhr sorgen: Regierungschef Benjamin Netanjahu soll kurz vor dem 7. Oktober 2023 vom Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Mohammed Bin Zayed, telefonisch vor einem Angriff der Hamas gewarnt worden sein – und unternahm nichts.

Laut der israelischen Zeitung Ha’aretz sprach der Präsident über Pläne von Hamas-Anführer Jahia Sinwar für eine groß angelegte Operation gegen Israel und äußerte Sorge über eine Destabilisierung der Region.

Netanjahu soll nicht nur gelassen reagiert haben, er informierte offenbar nicht einmal die Sicherheitsbehörden. Die früheren Geheimdienst- und Armeechefs Ronen Bar und Herzl Halevi gaben an, nicht in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

Die Enthüllungen sind Teil eines Buchs der Journalisten Schlomi Eldar und Ruth Yuval. Netanjahus Büro bezeichnete den Bericht als „absolute Lüge“. Die Autoren nennen als Beleg für das fragliche Telefonat drei hochrangige Quellen, darunter den bei dem Gespräch anwesenden palästinensischen Berater Bin Zayeds.

Netanjahu verhindert Aufklärung

Die Frage um die Verantwortung für den 7. Oktober beschäftigt die israelische Gesellschaft noch immer. Während die Spitzen von Armee und Geheimdiensten teils Fehler eingeräumt haben oder zurückgetreten sind, sucht Netanjahu die Schuld vor allem bei anderen. Zugleich verhindert er [1][eine unabhängige Aufklärung.]

Der Bericht dürfte für neue Vorwürfe sorgen. Laut den Recherchen war der Anruf Bin Zayeds die deutlichste, aber nicht die einzige Warnung. Zuvor war demnach über einen Vermittler der palästinensischen Fatah zwischen Israel und der Hamas verhandelt worden: Dabei ging es um die Freilassung von zwei in Gaza festgehaltenen Israelis im Austausch für palästinische Gefangene sowie Lockerungen der Blockade des Küstenstreifens. Eine Einigung soll Ende August 2023 zum Greifen nahe und von Netanjahu bestätigt gewesen sein.

Dann aber verschob Netanjahu mehrfach die Einberufung des Ministerausschusses, dessen Zustimmung nötig war. Sinwar soll Anfang September den Kontakt abgebrochen und durch den Fatah-Vermittler die Warnung geschickt haben, man solle sich auf ein „Erdbeben“ einstellen, wenn Fortschritte weiter ausblieben.

Am 17. September kamen Israels Sicherheitsbehörden in Netanjahus Büro zusammen, um die Warnung zu besprechen. Geheimdienstchef Bar riet zu einem Präventivschlag und „starken Verteidigungsmaßnahmen“. Das Treffen endete laut dem Bericht jedoch ohne Ergebnis, was Bin Zayed Ende September veranlasste, Netanjahu persönlich zu warnen.

Der Premier behielt Warnungen wohl für sich

Eine ähnliche Warnung soll Netanjahu laut der israelischen Zeitung Yedioth Ahronoth auch vom Chef des ägyptischen Geheimdienstes, Abbas Kamel, erhalten haben. Bei einem weiteren Treffen mit den Sicherheitsbehörden soll Netanjahu keine dieser Warnungen erwähnt haben. „Hätten wir davon gewusst, hätte sich möglicherweise (…) unser gesamtes Lagebild geändert“, zitiert das Blatt einen Geheimdienstmitarbeiter.

Die Autoren gehen mit ihrer Recherche nicht zufällig gerade jetzt an die Öffentlichkeit. Israel steht vor [2][bedeutenden Wahlen], die über die Zukunft Netanjahus und seiner rechtsextremen Regierung entscheiden. Oppositionsführer [3][Gadi Eisenkot] griff die Veröffentlichung bereits auf: Netanjahu habe „Israel blindlings in die Katastrophe des 7. Oktober geführt“.

Netanjahu selbst warf den Sicherheitsbehörden schon vergangene Woche vor, ihn am Morgen des Überfalls nicht rechtzeitig geweckt zu haben. Laut einem Bericht des israelischen Senders Kanal 12 hingegen soll der Premier erst, drei Stunden nachdem er um 6.29 Uhr über den Angriff informiert worden war, mit Armeechef Halevi gesprochen haben.

8 Sep 2026

[1] /Nach-dem-7-Oktober/!6193220

[2] /Wahlen-in-Israel/!6201926

[3] /Israelischer-Oppositionsfuehrer/!6197371

AUTOREN

Felix Wellisch

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Schwerpunkt Nahost-Konflikt

Israel

7. Oktober 2023

Benjamin Netanjahu

GNS

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