taz.de -- Tagebuch aus Kasachstan: Jakow Woronzows Kampf für eine andere Kirche

Ein orthodoxer Priester in Almaty wollte Russlands Ukraine-Feldzug nicht loben. Seine Kirche schloss ihn aus, die Behörden verfolgen ihn.

Bild: Die orthodoxe Kirche ist ein Machtfaktor in Kasachstan

Ich würde mich nicht als religiösen Menschen bezeichnen, bin aber in einer orthodoxen Familie aufgewachsen. Und für Kasachstan, wo der Islam vorherrscht, denn etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch, ist das ein ganz normales Bild. Laut der letzten Volkszählung bezeichnen sich etwa 17 Prozent der Kasachen als Christen. Das sind etwas mehr als 3,2 Millionen Menschen. Und das sind nicht nur [7][russische Familien], auch etwa 45.000 ethische Kasach:innen zählen sich zu dieser Konfession.

Die Geistliche Verwaltung der [8][Muslime Kasachstans] ist eine eigenständige Institution. Sie untersteht keiner zentralen Autorität im Ausland. Die orthodoxe Kirche in Kasachstan hingegen gehört zur Russisch-Orthodoxen Kirche und untersteht dem Patriarchat in Moskau. Angesichts der Tatsache, dass Kasachstan ein unabhängiges Land ist, wirken solche Dinge etwas seltsam.

Religion ist von der Politik zu trennen, und das sollte auch für die Russisch-Orthodoxe Kirche gelten. Zumindest schien dies lange Zeit der Fall zu sein, nämlich bis 2022, genauer gesagt: bis zum umfassenden Einmarsch [9][Russlands] in die Ukraine.

Seit Februar 2022 hat sich jedoch vieles verändert. So hat das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, die russische Invasion öffentlich unterstützt. Zudem scheuen sich einige Geistliche nicht, Soldaten sowie deren [10][Waffen zu segnen].

Dies stieß bei Jakow Woronzow, einem Priester aus Almaty, auf Ablehnung. Im Jahr 2022 sprach er sich gegen die russische Invasion in die Ukraine aus. Wegen dieses öffentlichen Widerspruchs wurde Woronzow zunächst vom Dienst suspendiert und später seines geistlichen Amtes enthoben.

Er erklärte daraufhin, eine von der Russisch-Orthodoxen Kirche unabhängige orthodoxe Struktur in Kasachstan schaffen zu wollen. Woronzow sammelte Unterschriften von Glaubensgenossen, um eine eigene religiöse Organisation registrieren zu lassen. Dies wurde jedoch von den lokalen staatlichen Behörden abgelehnt.

All dies führte dazu, dass Jakow Woronzow am 13. Februar 2026 von der Polizei festgenommen wurde. Derzeit befindet er sich für die Dauer der Ermittlungen in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, einen „Drogenumschlagplatz“ organisiert zu haben.

Woronzow und sein Anwalt halten das Verfahren jedoch für konstruiert. Ihrer Ansicht nach steht dies im Zusammenhang mit seinen Versuchen, eine von der Russisch-Orthodoxen Kirche unabhängige orthodoxe Kirche zu registrieren.

Angeblicher Drogenfund

„Das Pulver, das in meinem Haus gefunden wurde, gehört nicht mir. Ich gehe davon aus, dass es mir untergeschoben wurde, um mich zu bestrafen und zu diskreditieren. Wem das nützt und wer dahinterstecken könnte, ist nicht schwer zu erraten“, schrieb Jakow Woronzow in einem Brief aus der Haft.

Die Kirchenleitung in Kasachstan behauptet, Jakow Woronzow sei aus der Kirche entfernt worden, weil er sich in die Politik eingemischt habe. Übersetzt heißt das: Wer sich aus der Kontrolle der Russisch-Orthodoxen Kirche lösen will, gilt plötzlich als politisch unbequem.

Der Versuch ist gescheitert. Vorerst. Aber er zeigt ziemlich deutlich, wo die Grenzen verlaufen – und wer sie zieht.

[11][ Nikita Danilin] , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines [12][Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung].

Aus dem Russischen von [13][Tigran Petrosyan].

Durch [14][Spenden an die taz Panter Stiftung] werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

10 Apr 2026

[7] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6142842

[8] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6142842

[9] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6151981

[10] /Wenn-einen-der-Krieg-nicht-mehr-loslaesst/!6159680

[11] https://taz.de/Nikita-Danilin/!a144060/

[12] https://taz.de/taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/

[13] https://taz.de/Tigran-Petrosyan/!a22524/

[14] https://taz.de/Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/

AUTOREN

Nikita Danilin

TAGS

Kolumne Krieg und Frieden

taz Panter Stiftung

Kasachstan

ARTIKEL ZUM THEMA

Tagebuch aus Berlin: Dem 8. Mai soll kein weiteres Datum folgen

Die von den UN ausgerufenen Tage der Versöhnung und des Gedenkens werden in Russland anders verstanden: als Auftrag zu einem wiederholbaren Triumph.

Tagebuch aus Kirgistan: Drei Tage im Mai

Aus dem Tag der Arbeit wurde in Kirgistan der Auftakt zu einer Feiertagsperiode. Im Land wird diskutiert, ob das nicht zu sehr der Wirtschaft schadet.

Tagebuch aus der Ukraine: Mein kurzes Leben vor dem Vierten Weltkrieg

Die Ukraine kann sich nur mit modernster Technologie verteidigen. KI-Drohnen und andere Hightech-Waffen sind die Zukunft. Realität kann traurig sein.

Tagebuch aus Georgien: Dieses alles beherrschende Interesse an Kohle

Offiziell steht die Regierung in Tblissi an der Seite der Ukraine. Doch wenn es um Rohstoffe aus dem Donbass geht, wird die Nähe zu Moskau gesucht.

Tagebuch aus Litauen: Aufgehen in Vilnius

Irina und Michail mussten aus Belarus flüchten. In ihrem Exil haben sie sich mit einer Bäckerei selbstständig gemacht. Der Neuanfang hat funktioniert.

Tagebuch aus Belarus: Katze und Fisch und einfach nur weg

Unser Autor musste Belarus verlassen und war gut in Lettland angekommen. Nun ziehen er und seine Familie wieder um. Ihre Hoffnung heißt Polen.

Tagebuch aus Estland: Tallinn kann manchmal sehr weit weg sein

Die Familie lebt im benachbarten Russland. Doch zur Beerdigung seines Vaters konnte unser Autor nicht reisen. Und der Kontakt zur Mutter ist unsicher.

Proxied content from gemini://taz.de/Tagebuch-aus-Kasachstan/%216169512 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Tagebuch-aus-Kasachstan/%216169512
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.