taz.de -- Tagebuch aus Estland: Tallinn kann manchmal sehr weit weg sein
Die Familie lebt im benachbarten Russland. Doch zur Beerdigung seines Vaters konnte unser Autor nicht reisen. Und der Kontakt zur Mutter ist unsicher.
Bild: Stark eingeschränkt: Messengerdienste sind in Russland oft blockiert
Beinah vier Jahre lang hatte ich meinen Vater nicht gesehen. Von ihm verabschieden konnte ich mich nicht, und seine Beerdigung verpasste ich. Meine Mutter schickte mir über WhatsApp ein Foto der Grabplatte. Auf ihr ist ein Buch eingraviert, denn mein Vater hatte sich sein ganzes Leben lang nie von seinen Büchern getrennt.
Am 17. März 2022 hatte ich St. Petersburg verlassen. Es war für mich immer schwieriger geworden, über den russischen Einmarsch in die Ukraine zu schreiben und zu sprechen, unabhängigen Journalismus zu betreiben, und überhaupt wurde es fast unmöglich, irgendeine öffentliche Tätigkeit in Russland auszuüben. Ich entschied mich für die [7][Emigration nach Estland].
Von meiner Wohnung in [8][Tallinn] bis zur Wohnung meiner Eltern in St. Petersburg sind es genau 357 Kilometer. Doch der Rückweg ist für mich unmöglich. Der kritische Blick meiner journalistischen Texten gefällt dem Kreml nicht. Das hat seinen Preis: Ich traue mich nicht, nach St. Petersburg zu kommen.
Ich arbeite mit Medien zusammen, die in Russland gesperrt sind und als „ausländische Agenten“ oder gar als „Extremisten“ eingestuft werden. Je länger man zudem nicht im Land war, desto verdächtiger ist man für die russischen Geheimdienste, und gerade der allmächtige FSB ist für den Grenzübertritt zuständig. Auch deshalb werde ich nicht in meine Heimatstadt zurückkehren.
Ich lebe nun in Estland. Der Verband der estnischen Medienorganisationen hat mir gerade zum zweiten Mal in Folge den Preis für den besten Text in russischer Sprache verliehen. Das macht mich stolz.
Max Weber und die Bibliothek meines Vaters
Ich denke oft an meinen Vater. Es war nie einfach, ihn zum Reden zu bringen, selbst bei persönlichen Treffen war es schwierig. Ich erinnere mich daran, wie ich im Alter von zwölf Jahren in der Schule in St. Petersburg die Aufgabe bekam, einen Vortrag über Max Weber zu halten, und wie mein Vater, ein Philosoph und Soziologe, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ aus seiner privaten Bibliothek hervorholte. So kam ich zum ersten Mal mit diesem Juwel des europäischen Denkens in Berührung, ohne damals auch nur die geringste Chance zu haben, etwas davon zu verstehen.
In den vergangenen Jahren war mein Vater krank, und selbst die Ärzte schienen nicht ganz zu begreifen, wie ernst es war. Ein paar Tage, nachdem ich von der Verschlimmerung der Krankheit gehört hatte, bekam ich einen Anruf. Er war gestorben. Mehrere Jahre des Kampfes gegen den Krebs und die damit verbundenen Schwierigkeiten hatten sein Herz endgültig zermürbt.
An jenem trüben Tag in [9][Tallinn] war ich nicht zur Arbeit gegangen. Ich konnte nicht.
Ich denke auch oft an meine Mutter, die allein zurückgeblieben ist. Ich kann sie nicht besuchen – und sie mich auch nicht. Ein [10][Visum für Estland] wird sie kaum erhalten, und auch ein Touristenvisum für andere Schengen-Länder würde es meiner Mutter nicht erlauben, die baltische EU-Grenze zu überqueren. Reisen über diese Grenze sind für Bürger des russischen Aggressorstaates eingeschränkt.
Und die russischen Behörden ihrerseits blockieren Messengerdienste. So weiß ich nie, ob meine Mutter und ich einander erreichen können.
[11][Alexey Schischkin]ist Journalist aus St. Petersburg. Seit der russischen Invasion in die Ukraine lebt und arbeitet er im Exil in Estland. Er war Teilnehmer eines [12][Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung].
Aus dem Russischen von [13][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [14][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
20 Mar 2026
LINKS
[7] /Tagebuch-aus-Estland/!6135604
[8] /Tagebuch-aus-Estland/!6128884
[9] /Tagebuch-aus-Estland/!6100891
[10] /Tagebuch-aus-Estland/!6086531
[11] https://taz.de/Alexey-Schischkin/!a123125/
[12] https://taz.de/taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
[13] https://taz.de/Tigran-Petrosyan/!a22524/
[14] https://taz.de/Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
AUTOREN
Alexey Schischkin
Kolumne Krieg und Frieden
taz Panter Stiftung
Estland
Russland
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