taz.de -- Sabotage und Anschläge: Krieg ohne Kriegserklärung

Die russische Verunsicherungsstrategie zeigt schon jetzt Wirkung. Die Verbündeten Kyjiws umzustimmen, wäre für Moskau ein riesiger Triumph.

Bild: Die Koalition der Willigen an der Seite der Ukraine gegen Russland, zusammenstehen, auch wenn es unschön prickelt

Es war die Woche, in der Deutschland Russland in die Schranken weisen wollte und aus dem diplomatischen Instrumentenkasten einiges herausholte, was dort bisher brachlag. Die Bundesregierung machte [1][Moskau für den Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich]. In erster Konsequenz wird der Vertrag für das [2][Russische Haus] in Berlin gekündigt, und das Generalkonsulat in Bonn wird die Arbeit einstellen.

Überlegt wird zudem, russische Diplomat:innen des Landes zu verweisen. Alles sinnvolle Maßnahmen, auf die mit einer symmetrischen Reaktion gerechnet wurde. Die gibt es auch schon: Der Kreml wird die [3][Goethe-Institute in Russland] schließen und damit das Ende eines wichtigen kulturellen, politischen wie diplomatischen Pfeilers einläuten. Zum Playbook des diplomatischen Säbelrasselns gehört auch das Einbestellen von Botschaftern oder Geschäftsträger:innen, um ein ernstes Gespräch zu führen.

So geschehen in Berlin, in Moskau, in Warschau, in Paris und in Brüssel. Das alles ist nicht überraschend, sondern folgt den diplomatischen Gepflogenheiten. Vereinbarungen, die in diesen Zeiten nahezu unwirklich wirken. Doch reicht das? Grenzenlose Solidarität gab es aus Europa. Den EU- und Nato-Staaten ist völlig klar, was da gerade in Deutschland passiert. Vor allem die Länder an der sogenannten Nato-Ostflanke oder die Staaten, die unmittelbar an Russland oder an Belarus, Putins treuestem Vasall, angrenzen, wissen schmerzlich genau, was es bedeutet, strategisches Ziel der imperialen Kreml-Fantasien zu sein.

Drohnen schlagen in Rumänien ein, dringen in den Luftraum von Estland, Lettland, Litauen ein. In Polen konnte vor Kurzem ein [4][Anschlag auf einen Mann] mit US-amerikanischer-ukrainischer Staatsbürgerschaft verhindert werden. Finnland verstärkt das Truppenaufgebot an der Grenze, andere nordische und die baltischen Länder suchen nach Maßnahmen, die [5][Schattenflotte] in der Ostsee in Schach zu halten. Deutschland wurde insgeheim vor allem von kleineren Staaten Arroganz vorgeworfen, was die Bedrohungslage dort angeht.

Doch Russlands hybrider und mentaler Krieg ist nun eindeutig auch hier angekommen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Nato-Generalsekretär Mark Rutte sprachen in dieser Woche nach der Ansage aus Deutschland von einem „neuen Normal“, mit dem sich die Verbündeten der Ukraine konfrontiert sehen. Aber befindet sich Berlin nun im Krieg mit Moskau? Formal nicht. Es gab keine Kriegserklärung, auch Artikel 5 des Nato-Vertrags, die Beistandsklausel, wurde nicht angerufen.

Fließende Übergänge

Selbst von Konsultationen auf der Vorstufe, Artikel 4, will man vorläufig absehen. Doch die Grenzen zwischen einem hybriden und einem direkten Kriegsgeschehen sind fließend, und das macht sich Russland zunutze. Berlin zählt nach den USA zu den größten Unterstützern der Ukraine, und da Washington der Nato, der EU und den solidarischen Vereinbarungen immer mehr den Rücken zukehrt, ist dieses Vakuum ideal für diktatorische Machthaber. Zweifel streuen, gar einen Großteil der deutschen Bevölkerung davon zu überzeugen, in der Unterstützung der Ukraine nachzulassen – all das wäre ein Triumph für Moskau.

Dass die russische Verunsicherungsstrategie funktioniert, zeigt sich in den reflexartigen Reaktionen nach [6][Brandanschlägen auf Stromnetze und Umspannwerke] oder Meldungen über Explosionen an einem Hauptbahnhof im Süden der Republik oder der mutmaßliche Anschlag auf ein [7][Rüstungsunternehmen in Bayern]: Der Russe könnte es gewesen sein, hieß es unmittelbar und ohne jegliche Beweise. Und andererseits in Äußerungen von AfD und BSW, die die Lage nutzen, um von einer unnötigen kriegerischen Eskalation zu faseln, solange noch keiner der Fälle aufgeklärt ist.

Die Reihe mag Zufall sein, und selbstverständlich müssen in allen Fällen Ermittlungen laufen, bis die Täter:innen identifiziert sind. Ganz gleich, ob es sich dabei um staatliche Akteure handelt, um rechts- oder linksextremistische Drahtzieher oder Einzelpersonen. Der mentale Krieg ist in vollem Gange. Egal wie man es nennen will. Putin, der Kreml, die russische Regierung und ihr Playbook sind nicht zu unterschätzen. Zumindest einige der strategischen Ziele hat Moskau längst erreicht.

4 Sep 2026

[1] /Drohnen-auf-Leipziger-Flughafen/!6209181

[2] https://www.russisches-haus.de/

[3] /Russland-schliesst-Goethe-Institute/!6209863

[4] https://www.polskieradio.pl/400/7764/artykul/3719804,polen-nimmt-russen-wegen-geplantem-mord-an-usb%C3%BCrger-fest

[5] /Russische-Schattenflotte/!6208738

[6] /Bekennerschreiben-zu-Anschlag-in-Jaenschwalde-aufgetaucht/!6209920

[7] /Anschlag-auf-Muenchner-Firmen/!6210204

AUTOREN

Tanja Tricarico

TAGS

Schwerpunkt Krieg in der Ukraine

Sabotage

Hybrider Krieg

Sanktionen

Reden wir darüber

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Russische Schattenflotte: Die schleichende Ölpest vor der Küste Omans

Vor drei Monaten gab es eine Explosion auf einem Tanker der Schattenflotte. Seitdem fließen Millionen Liter Öl ins Meer – in einem Naturschutzgebiet.

US-Vermittler in Moskau und Kyjiw: Diplomaten als Fans

US-Vermittler Steve Witkoff und Jared Kushner haben Gespräche in Russland und der Ukraine geführt. Viele Fragen bleiben offen, immerhin ist von „neuen Ideen“ die Rede.

Russlands Außenminister Lawrow: Deutschland will „erneut den Krieg“

Zum ersten Mal besuchen Kushner und Witkoff die Hauptstadt der Ukraine. Russlands Außenminister Lawrow eskaliert rhetorisch nach Drohnenanschlägen in Leipzig.

US-Vermittler in der Ukraine: Trumps Schwiegersohn doch nicht so wichtig

Erst sollten sie mit dem Flugzeug in Kyjiw landen, jetzt sind Jared Kushner und Steve Witkoff doch Zug gefahren – so wie alle. Kommt ein Ende des Kriegs näher?

Krieg in der Ukraine: Für Trumps Schwiegersohn macht Putin eine Ausnahme

Jared Kushner und Trumps Golfpartner Steve Witkoff sind auf Friedensmission in Moskau – und fliegen dann in die Ukraine. Russlands Präsident hat dafür 72 Stunden Pause für Angriffe auf Kyjiw angeordnet.

Russisches Haus und Goethe-Institut: Putins Propagandaspiele

Das Goethe-Institut in Moskau soll schließen. Es war so ziemlich das letzte seiner Art. Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa über Kultur und den Krieg.

Nach Drohnenangriff in Leipzig: Ein Draht nach Moskau

Gibt es belastbare Kontakte nach Russland? Um eine ungewollte militärische Eskalation zu vermeiden, reicht es nicht, nur auf Abschreckung zu setzen.

Leipzig und Hybrider Krieg: Verunsicherung ist ihr Ziel. Haltet die Faszien im Flow!

Ist Ruhe wieder erste Bürgerpflicht? Oder wie erklärt sich sonst die seltsam entspannte Stimmung trotz sich häufender Terroranschläge?

Proxied content from gemini://taz.de/Sabotage-und-Anschlaege/%216206573 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Sabotage-und-Anschlaege/%216206573
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.