taz.de -- Queer-Community nach dem Anschlag: Heute trauern wir, morgen kämpfen wir

Wenn der Schock vom Wochenende vorüber ist, muss die queere Community ihre Wut in Aktivismus verwandeln -und dafür auch ihre innere Spaltung überwinden.

Bild: In der Trauer vereint: zwei Teilnehmende der Veranstaltung am Sonntag

Am CSD-Freitag durfte ich zusammen mit Fabian Grischkat den „Demokratieabend“ am Brandenburger Tor moderieren. Wir schauten von der Bühne herunter in ausnahmslos offene, fröhliche Gesichter.

Ein bisschen mehr als 48 Stunden später stand ich wieder am Brandenburger Tor auf einer Bühne mit einem Mikro vorm Gesicht. Die Sorglosigkeit war aus den Gesichtern im Publikum jedoch verschwunden und [1][hatte Trauer Platz gemacht]. Wut. Verzweiflung.

Wir alle standen da und waren [2][überwältigt von der Schwere des Verlusts]. Der Angriff galt uns allen. Und das, obwohl wir als Community ja wirklich nichts anderes wollen, als in Ruhe und Frieden leben und lieben zu dürfen. Nie wieder wird ein CSD in Berlin einfach nur ein CSD sein. Ab sofort ist er immer auch ein Memorial.

Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen der Polizei deutet alles darauf hin, dass es ein islamistisch motivierter Terroranschlag war. Und Islamismus ist per se queerfeindlich. Freiheitsverachtend. Islamismus tötet. Das sind Fakten.

Kein Homonationalismus

Daraus darf aber jetzt keine Islamophobie entstehen, kein Argwohn gegenüber unseren muslimischen Mitmenschen, kein Homonationalismus. Wir dürfen uns nicht von den Taten einer Extremideologie in die Arme einer anderen treiben lassen.

Wir müssen unseren Zorn dahin richten, wo er hingehört. Gegen die tatsächlichen Täter, wenn sie feststehen. Gegen die Strukturen, die diese Tat ermöglicht haben. Und auch gegen eine Regierung, die ganz aktiv daran beteiligt war, ein immer queerfeindlicheres Klima in diesem Land zu erzeugen.

Man kann uns nicht im Kontext von Zirkuszelten erwähnen, das Hissen von Regenbogenflaggen verbieten, dem queeren Jugendnetzwerk Lambda alle Fördergelder streichen, Drag-Lesungen „aus Kinderschutz“ verbieten, ein Sonderregister für Trans* Menschen fordern und sich dann nach einem solchen Attentat heuchlerisch neben uns stellen und so tun, als hätte man da schon die ganze Zeit gestanden.

Der Schutz queerer Menschen gehört ins Grundgesetz. Denkt daran bei den bevorstehenden Wahlen.

Mit Worten schwer zu beschreiben

Bei der Trauerfeier am Sonntag ist mir wieder extrem stark aufgefallen, dass wir Queerlinge ein großes Talent haben für Magie, wenn wir zusammenkommen. Dann entsteht etwas, das mit Worten schwer zu beschreiben ist. Eine Gemeinschaft, die alles schaffen kann, die Berge versetzen kann – und es schon getan hat. Man denke nur an die Aidskrise. Und vielleicht gerät diese Kraft manchmal ein bisschen in Vergessenheit.

Doch diese Magie passiert nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Wenn wir unsere Unterschiede mal hintanstellen und uns stattdessen auf unsere Gemeinsamkeiten konzentrieren.

Wenn wir uns nicht wegen der alten Respektabilitätsdiskussion gegenseitig auseinandernehmen – also der Frage, wie sehr wir einer heteronormativ geprägten Vorstellung von „Normalität“ entsprechen müssen, um uns an die Gesellschaft assimilieren zu dürfen. Vielleicht sind wir ja so besonders, wie wir sind, genau richtig und müssen uns gar nicht so sehr anpassen, um bloß niemanden zu brüskieren.

Also lasst uns bitte wieder mehr aufeinander achten. Aufeinander zugehen und uns daran erinnern, dass unsere Gemeinsamkeiten das Einzige sind, was zählt. Und dass unsere Feinde nicht innerhalb der Community zu finden sind, sondern außerhalb.

Das, was beim CSD passiert ist, sollte uns alle mit einem Schlag aufgeweckt und uns daran erinnert haben, wo die tatsächliche Bedrohung herkommt. Und das sind nicht die eigenen Reihen.

Today we mourn, tomorrow we fight. Heute trauern wir, morgen kämpfen wir.

Analoger Aktivismus

Also lasst uns gemeinsam trauern. Doch dann müssen wir uns aufraffen und den Kampf aufnehmen. Wir sind nicht sicher. Nicht vor Islamismus, nicht vor Nazis, nicht mal vor der eigenen heuchlerischen Regierung. Und uns wird niemand retten, wir müssen selbst aktiv werden.

Wir brauchen jetzt auch wieder [3][handgemachten, analogen Aktivismus]. Wir müssen unseren Schmerz, unsere Wut in etwas kanalisieren, das Wurzeln schlägt und wachsen kann, das andere abholt. Das uns aus der Isolation und dem Gefühl der Hilflosigkeit in irgendeine Form von Aktionismus bringt.

Unsere Community wird auch das überleben, wenn wir zusammenhalten. Lasst uns bitte zueinanderfinden. Lasst uns an denselben Tischen Platz nehmen und miteinander reden, statt zu schreien. Lasst uns die Gemeinsamkeiten finden, die uns verbinden. Und dann lasst uns organisieren und planen und die Dinge angehen, die getan werden müssen.

Denn die Feinde sind da draußen, nicht unter uns. Ich sage es seit Jahren, aber ich werde nicht müde, es zu wiederholen: We are NOT the enemy.

27 Jul 2026

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