taz.de -- Neue schiitische Terrororganisation: Täter im Auftrag Teherans
Hinter einer Anschlagsserie gegen jüdische Einrichtungen soll die „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ stehen. Eine neue Frontgruppe Irans?
Bild: Am 9. März explodierte ein Sprengsatz vor einer Synagoge im belgischen Lüttich
Seit zwei Wochen werden europaweit zahlreiche Anschläge gegen jüdische oder „zionistische“ Einrichtungen im Namen einer mysteriösen islamistischen Gruppe namens „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya“ verübt, zu Deutsch: die „Bewegung der Gefährten der islamischen Rechtschaffenheit“.
In den frühen Morgenstunden des 9. März explodierte ein Sprengsatz vor einer Synagoge im belgischen Lüttich. Es folgten weitere vermeintliche [1][und tatsächliche Angriffe] in Griechenland, den Niederlanden und Großbritannien – darunter Brandanschläge auf Synagogen, eine jüdische Schule und [2][die Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation]. Der jüngste Anschlag soll sich erst am Dienstag ereignet haben, auf ein Auto [3][vor einem jüdischen Restaurant in Antwerpen].
Die angeblich verantwortliche „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ präsentiert sich als schiitische „Widerstandsgruppe“ und verbreitet Bekennervideos der Anschläge in den sozialen Medien, unterlegt mit thrillerartiger Musik und drohenden Texteinblendungen. „Im Namen Allahs ist dies die letzte Warnung. Distanzieren Sie sich unverzüglich von allen amerikanischen und zionistischen Interessen“, heißt es in einem Clip.
Auffällig ist, dass die Videos der jeweiligen Taten kurz danach in den einschlägigen Telegram-Kanälen der sogenannten Achse des Widerstands veröffentlicht werden – so nennt Iran sein antiisraelisches und antiwestliches Bündnis. Zum Beispiel auf Kanälen der Kata'ib Hisbollah in Irak oder mit Verbindungen zu den [4][iranischen Revolutionsgarden] selbst.
Verstreute Zellen
Auch das Logo der „Islamischen Rechtschaffenheitsbewegung“ ähnelt denen vieler von Iran gesteuerten Proxy-Terrorgruppen: Eine gehobene Faust hält ein Gewehr, das nach rechts zeigt.
Am Wochenende erschien kurzzeitig ein eigener Telegram-Kanal der Gruppe samt aller Videos der bisherigen Anschläge. Dieser wurde in einem Bekennervideo über einen QR-Code verlinkt, ist inzwischen aber wieder deaktiviert. Eine taz-Anfrage, ob Telegram für die Sperrung verantwortlich war, ließ die Plattform unbeantwortet.
Sicherheitsexperten halten es gegenüber der taz für sehr wahrscheinlich, dass das iranische Regime die Angriffe koordiniert. „Es handelt sich um eine Tarnorganisation, die verstreute Zellen in ganz Europa nutzt, um die Anschläge zu organisieren und durchzuführen“, sagt Phillip Smyth, ein Terrorismusbekämpfungsberater aus Washington, der sich seit Jahren mit proiranischen schiitischen Milizen beschäftigt.
Smyth nennt das „implausible plausible deniability“. Damit ist eine Doppelstrategie gemeint, die es dem iranischen Regime ermöglicht, eigene Beteiligung abzustreiten und gleichzeitig das Drohpotential aufrechtzuerhalten, weil die eigene Verwicklung offensichtlich ist. Diese Strategie kenne er bereits aus Irak. „Es folgt einem Modell, das das iranische Ministerium für Nachrichtenwesen sowie die Revolutionsgarden längst übernommen haben.“
Die Motivationen der jeweiligen Täter könnten jedoch unterschiedlich sein, so Smyth: „Nicht alle sind überzeugte Anhänger.“ In der Vergangenheit hat Iran sowohl Minderjährige mit Migrationshintergrund [5][als auch organisierte Kriminelle] rekrutiert, um Angriffe durchzuführen.
Matthew Levitt von der Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy glaubt, dass damit eventuell „der Eindruck erweckt werden soll, dass es da draußen eine organisierte und gefährliche Gruppe gibt, obwohl es sich in Wirklichkeit nur um Einzelpersonen handelt, die damit beauftragt sind“, Angriffe durchzuführen. „Aber es ist einfach noch zu früh, um zu sagen, wie echt diese Gruppe ist.“
Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler von der NGO Counter Extremism Project. „Ich weiß nicht ganz klar, ob das jetzt überhaupt eine Gruppe ist“, sagt er. Name und Texte seien zwar typisch für schiitische Terrororganisationen. Aber: „Eine koordinierte Angriffsserie über drei europäische Länder, das spricht auch für einen sehr hohen Organisierungsgrad. Und eine kleine schiitische Gruppe wäre wahrscheinlich nicht in der Lage, sowas zu koordinieren.“ Dahinter vermutet er stattdessen Iran.
Verwirrung stiften
Bislang habe die „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ eher „weiche Ziele“ ausgesucht, so Schindler – etwa leere Synagogen in der Nacht, in Ländern mit geringeren Schutzmaßnahmen. Solche Attacken dürften als „Warnschüsse“ dienen und sind nicht auf eine möglichst hohe Opferzahl ausgerichtet: Während dieser Anschlagsserie wurde bislang niemand getötet.
Beim vermeintlichen Anschlag in Griechenland ist bislang unklar, was das Ziel überhaupt gewesen sein soll – das Video dazu zeigt lediglich eine Explosion in einem Treppenhaus. Nach Gesprächen mit verschiedenen jüdischen Verbänden konnte die taz den Angriff nicht bestätigen.
„Solche Frontgruppen behaupten manchmal Angriffe, die nie stattgefunden haben“, sagt Phillip Smyth. „Das soll Verwirrung stiften und die Reichweite der Gruppe aufbauschen.“
Im Schatten des Irankrieges werden jüdische Einrichtungen [6][weltweit attackiert], nicht nur im Namen der „Islamischen Rechtschaffenheitsbewegung“. Angriffe im Ausland würden zumindest zur erklärten Strategie Teherans passen.
Vergangene Woche drohte Irans Militärsprecher mit Attentaten weltweit auf Parks, Erholungsgebiete und Touristenziele. Der neue oberste Führer Irans, Modschtaba Chamenei, warnt, dass das Regime „neue Fronten“ eröffnen könnte, „wo der Feind wenig Erfahrung hat und besonders verwundbar wäre“.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigt sich zutiefst besorgt: „Die Bedrohung, die vom Mullah-Regime in Iran ausgeht, ist existentiell“, sagte er der taz. Das Regime sei seit vielen Jahren einer der einflussreichsten Financiers des globalen Terrors. „Seit Langem treiben Agenten des iranischen Regimes und seiner Proxys auch bei uns ihr Unwesen.“
Die Frage bleibt, ob die mutmaßlich von Iran gesteuerte „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ bei „weichen“ Zielen bleibt – oder zünftig mit „harten“ Zielen eskaliert.
25 Mar 2026
LINKS
[1] /Attentate-in-Belgien-und-Niederlande/!6162375
[2] /Anschlag-in-Grossbritannien/!6165124
[3] https://www.ynetnews.com/jewish-world/article/ryidhajobl
[4] /Lage-in-Iran/!6146192
[5] /Terror-in-Schweden/!6014168
[6] /Toedliche-Angriffe-in-den-USA/!6162308
AUTOREN
Nicholas Potter
Schwerpunkt Iran-Krieg
Antisemitismus
Terrorismus
Schiiten
Belgien
Lüttich
GNS
ARTIKEL ZUM THEMA
Politischer Mord in Großbritannien: Jetzt doch ein möglicher Terrorakt
Die britische Polizei vollzieht einen Kurswechsel nach dem Mord an der Politikerin Ann Widdecombe. Die Antiterrorpolizei übernimmt die Ermittlungen.
Neues Lagebild des Zentralrats der Juden: Das Vertrauen schwindet
Antisemitische Anschläge verstärken das Unsicherheitsgefühl, warnt der Zentralrat der Juden. Jüdisches Leben wird aus dem öffentlichen Raum verdrängt.
Antisemitische Attacke in München: Proiranische Terrorgruppe bekennt sich zu Pyroanschlag
Nach dem Angriff auf ein israelisches Restaurant in München prüft die Polizei ein Bekennervideo einer Gruppe mit Verbindungen zum iranischen Regime.
PressTV: Das Auslandsmedium der Mullahs
PressTV ist der internationale Propagandasender Irans. Zum Programm gehören Verschwörungsmythen, Holocaustleugnung und erzwungene Zugeständnisse.
Anschlag in Großbritannien: Antisemitischer Brandanschlag in London
Eine iranisch-islamistische Gruppe bekennt sich zum Brandanschlag auf vier Krankenwagen einer jüdischen Organisation. Ziel war eine Synagoge, sagt sie.
Attentate in Belgien und Niederlande: Täter fühlen sich sicher
Nach dem zweiten Brandanschlag auf eine Synagoge wächst die Angst in jüdischen Gemeinden. Anzeichen für koordiniertes Vorgehen im Auftrag Teherans nehmen zu.
Nach Chanukka-Anschlag in Sydney: Ein Jahr des antisemitischen Terrors
Das Massaker am Bondi Beach in Australien war der tragische Höhepunkt. Doch 2025 grassierte der antisemitische Terrorismus weltweit.