taz.de -- Neues Lagebild des Zentralrats der Juden: Das Vertrauen schwindet

Antisemitische Anschläge verstärken das Unsicherheitsgefühl, warnt der Zentralrat der Juden. Jüdisches Leben wird aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Bild: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

„Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“ stand in großen Blockbuchstaben [1][auf einer Hausfassade in Berlin-Prenzlauer Berg]. Der Schriftzug „Kill all Jews“ wurde mehrfach im Viertel gesprüht, einmal mit Hakenkreuz dazu.

Das Klingelschild eines Mitarbeiters des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) wurde mit einem roten Hamas-Dreieck markiert – sein Name rot durchgestrichen.

Und [2][im brandenburgischen Cottbus] wurde die Synagoge erneut mit rechtsextremen und antisemitischen Schriftzügen und Symbolen beschmiert – samt Hakenkreuz.

Diese antisemitischen Vorfälle ereigneten sich allein in der vergangenen Woche. Doch es bleibt nicht bei antisemitischen Graffiti. Hinzu kommen in den vergangenen Monaten Angriffe weltweit gegen jüdische oder „zionistische“ Einrichtungen.

Nach dem 7. Oktober

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht von einer „neuen Normalität“ nach dem 7. Oktober 2023, als die Hamas und andere palästinensische Terrororganisationen Israel überfielen, und dem darauffolgenden Krieg in Gaza. Er beschreibt gegenüber der taz einen „explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus“.

Das zeigt das neue Lagebild des Zentralrats, das am heutigen Freitag erschienen ist. Antisemitische Vorfälle gegen jüdische Einrichtungen nahmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich zu: 2023 waren 32 von 102 befragten Gemeinden und Landesverbänden betroffen, im vergangenen Jahr waren es 46.

Es handelt sich dabei überwiegend um antisemitische Beleidigungen und „verhetzendes Verhalten“ im Alltag sowie Anfeindungen und Hasskommentare in den sozialen Medien. Bei knapp der Hälfte der Fälle geht es um Drohanrufe, antisemitische Zuschriften, Sachbeschädigungen und Schmierereien an Gebäuden.

Viele Jüdinnen und Juden befürchten, dass es in Deutschland zu weiteren Anschlägen kommen könnte. „Während der Waffenstillstand in Gaza für die jüdischen Gemeinden nicht in eine Verbesserung des Unsicherheitsgefühls mündete, hat sich dieses nach Beginn des Kriegs gegen das Mullah-Regime noch einmal verschärft“, so der Zentralrat im Bericht in Bezug auf die US-amerikanischen und israelischen Luftangriffe auf Iran, die Ende Februar begannen. Terroranschläge im Ausland hinterließen auch hierzulande Spuren, heißt es weiter – und verstärkten bestehende Ängste.

Jüdische Symbole versteckt

In Europa macht aktuell eine Anschlagsserie, die eine [3][Gruppe namens „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“] für sich in Anspruch nimmt, vielen Jüdinnen und Juden Angst. Die Gruppe setzt wohl auf verstreute Zellen, um Synagogen, eine jüdische Schule oder eine jüdische Hilfsorganisation mit Spreng- und Brandsätzen anzugreifen. Offenbar im Auftrag des Irans, wie viele Sicherheitsexperten einschätzen.

Am 10. April wurde in der Nacht ein [4][israelisches Restaurant in München] angegriffen: Die Fensterscheiben wurden eingeschlagen und Brandsätze ins Innere geworfen. Wieder tauchte ein Bekennervideo der angeblichen Terrorgruppe auf, in proiranischen und regimenahen Telegram-Kanälen. „Es hätte am Tag passieren können und die Zionisten wären dabei getötet worden“, hieß es darin.

All das hat Folgen für jüdische Communitys in Deutschland: Aus Sicherheitsgründen haben 21 Prozent der befragten Gemeinden Veranstaltungen in den letzten zwölf Monaten abgesagt. Das ist zwar weniger als der Höhepunkt 2023 (43 Prozent), direkt nach dem Hamas-Angriff, stellt jedoch einen deutlichen Anstieg im Vergleich zum vergangenen Jahr (12 Prozent) dar.

„Die Anpassung der jüdischen Gemeinden und ihrer Mitglieder führt zu einer Verdrängung jüdischen Lebens aus dem öffentlichen Raum“, kritisiert Josef Schuster. Jüdische Symbole würden versteckt und die eigene Identität verheimlicht, gerade bei Kindern und Jugendlichen, sagt er. „Diese Zustände sind unhaltbar.“

Die Erfahrungsberichte von verschiedenen Verantwortungsträgern und Funktionären der Gemeinden machen das Problem deutlich. „Ich trage aus Sicherheitsgründen meinen Davidstern nicht mehr offen“, zitiert der Zentralrat einen. Ein anderer sagt: „Als jüdische Person in der Öffentlichkeit zu stehen, war nie einfach. Die fehlende Solidarität hat zu einem Rückzug ins jüdische Umfeld geführt.“

Das hat negative Auswirkungen auf die Perspektiven von Jüdinnen und Juden: 58 Prozent der Befragten sind eher oder sehr pessimistisch, was ihre Zukunft in Deutschland angeht – in Bezug auf Europa sind es 81 Prozent.

Für Josef Schuster sollen solche Ergebnisse „Alarmsignal und Ansporn“ sein. „Der Judenhass hat sich in Deutschland normalisiert, und nur enorme Kraftanstrengungen können diesen Trend umkehren“, sagt er. „In der jüdischen Gemeinschaft schwindet das Vertrauen in diese Trendumkehr zusehends.“

1 May 2026

[1] /Judenfeindliche-Schmierereien-in-Berlin/!6174991

[2] /Erneute-Straftat-in-Cottbus/!6174399

[3] /Neue-schiitische-Terrororganisation/!6165531

[4] /Antisemitische-Attacke-in-Muenchen/!6171846

AUTOREN

Nicholas Potter

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