taz.de -- Menschenrechtlerin über Widerstand: „Ein Symbol des anderen Russland“

Die Menschenrechtsorganisation Memorial ist in Russland verboten worden. Aber die Arbeit geht weiter, sagt Mitgründerin Irina Scherbakova.

Bild: So weit kommt es heutzutage kaum mehr: 2018 führen Polizisten einen Teilnehmer einer Protestkundgebung in St. Petersburg ab

taz: Wie lässt sich die Arbeit der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial nach dem Verbot durch Putin fortführen, Frau Scherbakowa?

Scherbakowa: Was kann ein Menschenrechtler machen? Er kann Fakten sammeln und sie der Öffentlichkeit präsentieren und damit Lügen entlarven. Das war schon in den 90er Jahren so, beim tschetschenischen Krieg, wo Verbrechen gegen eine friedliche Bevölkerung passiert sind, die nie wirklich aufgeklärt wurden. Mit Putins Machtantritt gab es immer mehr politische Häftlinge, die wir betreuten.

taz: Was bedeutete das konkret?

Scherbakowa: Ihnen Anwälte zur Verfügung zu stellen, ihre Familien zu betreuen, sie zu unterstützen, auch in den Gefängnissen. Es wurden immer mehr solcher Fälle, 2014 mit den entfesselten Kriegshandlungen im Donbass und jetzt ganz massiv mit dem Krieg gegen die Ukraine. Ein Teil unserer Arbeit besteht wieder darin, Fakten zu sammeln, erstens für die Öffentlichkeit und zweitens für die mögliche Verfolgung der Täter. Das ist eine Arbeit, die wir gemeinsam mit den ukrainischen Menschenrechtlern machen.

taz: Gibt es noch Kolleg:innen, die von Russland aus arbeiten?

Scherbakowa: Ja, es gibt sie noch – natürlich unter sehr schwierigen Bedingungen. Man hat die Mitarbeiter von Memorial [1][zu ausländischen Agenten erklärt] und nun zahlen sie zum Beispiel Geldstrafen, weil sie sich nicht selbst auf die Liste von ausländischen Agenten im Justizministerium gesetzt haben.

taz: Beim Podiumsgespräch [2][zur Memorial-Ausstellung in Hamburg] wird es auch um Russland-Bilder in Deutschland gehen. Wie nehmen Sie die wahr?

Scherbakowa: Das ist eine schwierige Frage, weil diese Vorstellungen manchmal sehr gespalten sind. Bei vielen Deutschen ist die Erinnerung an die unglaublichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, nicht nur, aber vor allem in Russland und der Ukraine, sehr stark.

taz: Das war lange nicht selbstverständlich.

Scherbakowa: Aber das soll nicht dazu führen, dass man die Ukraine nur als Teil der russischen Geschichte betrachtet. Und es gibt noch Illusionen aus der Perestrojka-Zeit, dass Russland und Putin eigentlich auf dem richtigen Weg seien, es gibt sentimentale Vorstellungen von Russland und russischer Kultur und natürlich auch Angst, zum Beispiel bei vielen Menschen in Ostdeutschland, weil sie unter der sowjetischen Besatzung leben mussten.

taz: Sind die Vorstellungen im Westen, wie viel Widerstand von der russischen Bevölkerung derzeit kommen könnte oder müsste, angemessen?

Scherbakowa: Von der ukrainischen Seite kommt die Frage: Was habt ihr gemacht, um diesen Krieg nicht zuzulassen und welchen Widerstand habt ihr gegen das Putinsche Regime geleistet? Das ist eine berechtigte Frage an die Menschen, die noch kritisch denken und in Russland geblieben sind und an die Menschen, die wie ich in die Emigration gegangen sind, um nicht in Putins Russland zu leben.

taz: Und die Erwartungen des Westens?

Scherbakowa: In meinen Augen ist es eher konstruktiv, Druck auf die eigenen Regierungen auszuüben, damit man in diesem Krieg zu einem gerechten Frieden kommt und nicht zu einem aufgezwungenen Deal für die Ukraine. Solche Bemühungen haben nichts mit Überheblichkeit zu tun. Aber in Russland lebend muss man jetzt sehr viel Mut haben, um offen kritisch zu bleiben. Das ist in einem wohlbehüteten Dasein in Europa schwer vorstellbar.

taz: Sie haben bei Ihrer Arbeit für Memorial immer wieder Durststrecken erlebt. Aber mit dem Exil hat sich Ihre Situation in ganz neuem Maß verändert. Woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen?

Scherbakowa: Memorial muss irgendwie überstehen und überleben, einfach als Symbol des anderen Russland. Niemand hat gesagt, [3][dass Exil etwas Schönes ist], aber ich glaube, man hat Aufgaben, denen man sich auf diese oder jene Weise stellen muss.

25 Jan 2026

[1] /Russland-geht-gegen-NGO-vor/!5822050

[2] https://blog.sub.uni-hamburg.de/?p=41679

[3] /Irina-Scherbakowa-ueber-Exil-und-Flucht/!6039574

AUTOREN

Friederike Gräff

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