taz.de -- Kreml rückt ab von „Spezialoperation“: Plötzlich Krieg
Den Krieg gegen die Ukraine als solchen zu bezeichnen, wurde in Russland bislang hart bestraft. Nun macht der Kreml eine rhetorische Wende – aus Gründen.
Bild: Die neue Formel ist mehr als eine sprachliche Petitesse
Bislang bemühte der Kreml stets den Begriff „militärische Spezialoperation“, wenn es um Moskaus [1][völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine] ging. Wer in Russland in diesem Zusammenhang das Wort „Krieg“ in den Mund nahm, erhielt im besten Fall eine Geldstrafe, wenn er oder [2][sie nicht gleich im Gefängnis landete]. Doch jetzt hat diese euphemistische und realitätsverleugnende Bezeichnung offensichtlich plötzlich ausgedient. Kremlsprecher Dimitri Peskow sprach am Wochenende erstmals davon, dass sich die „Spezialoperation“ zu einem „echten Krieg“ entwickelt habe.
Die neue Formel ist mehr als eine sprachliche Petitesse, wie die offizielle Begründung zeigt. Denn schuld an diesem Krieg sind laut Peskow, wie könnte es auch anders sein, die westlichen Staaten, die Kyjiw dabei unterstützen, Ziele auf russischem Territorium ins Visier zu nehmen. Leider gehöre auch Washington dazu.
Das verbale Manöver zum jetzigen Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr. Denn adressiert werden sowohl die einheimische Bevölkerung als auch das „dekadente westliche“ Ausland. Dieser brutale Krieg, der bislang nicht so genannt werden durfte, ist längst auch in Russland angekommen. Die Zeiten, in denen ein Großteil der Russ*innen sich dem Irrglauben hingeben konnte, mit dem Feldzug gegen den Nachbarn nichts zu tun zu haben, sind vorbei. Schon jetzt beginnt in Russland [3][eine weitere, wenn auch noch verdeckte Mobilisierung].
Auch die Botschaft an das Ausland ist unzweideutig. Schließlich sitzen, so der Befund des Kreml, die wahren Kriegstreiber in Berlin, Oslo oder Paris. Ergo gilt es wieder einmal, [4][militärisch zu drohen und vielleicht in den baltischen Staaten die Nato auszutesten].
Noch absurder wird es jedoch, wenn der Kreml behauptet, militärisch verlaufe alles nach Plan, und dabei auf die Einnahme der Stadt Kostjantyniwka im Gebiet Donezk verweist – was bislang nicht bestätigt ist. Offensichtlich setzt der Kreml weiter darauf, zu blenden und „potemkinsche Dörfer“ zu errichten. Wie lange Putin seinen Landsleuten diese Märchen noch verkaufen kann, wird sich zeigen.
6 Jul 2026
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AUTOREN
Barbara Oertel
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