taz.de -- Gletscherforscher zur Flutkatastrophe: „Gebirge erwärmen sich schneller als der Rest der Erde“

Die Erderwärmung führt zum Abschmelzen der Gletscher. Damit steigt das Risiko von Katastrophen wie jetzt in Nepal, sagt der Glaziologe Donovan Dennis.

Bild: Eine Drohnenaufnahme zeigt den schlammbedeckte Ort Trishuli und den gleichnamigen Fluss nach der Sturzflut

taz: Herr Dennis, kann man jetzt schon eine seriöse Aussage dazu machen, welchen Anteil der Klimawandel an der Katastrophe von Nepal hat?

Donovan Dennis: Bei einzelnen Ereignissen ist es immer schwer zu sagen: Das war eine direkte Folge des Klimawandels. Es ist auch noch nicht vollständig geklärt, was genau passiert ist, viele Messdaten sind mit den Messstationen verloren gegangen. [1][Nach dem, was wir auf Satellitenbildern sehen, hat sich offenbar ein Teil eines Gletschers aus einem höher gelegenen Bereich gelöst] und ist ins Tal gestürzt. Der Aufprall hat dann wohl einen größeren Felssturz ausgelöst, der ein Fluss blockierte. Das Wasser staute sich und floss dann mit einem Schwall ab. Dieses Szenario gleicht dem Gletscherbruch im Schweizer Lötschental, als der Fluss Lonza Teile eines Dorfes zerstört hatte.

taz: Hat es eine Rolle gespielt, dass der betroffene Fluss Bhotekoshi zum Teil reguliert ist, um Energie mit Wasserkraftwerken zu gewinnen?

Dennis: Was die Ursachen der Katastrophe angeht, scheint es sich um ein kombiniertes Gletscher- und Murgang-Hochwasserereignis zu handeln – Murgang ist eine Mischung aus Geröll, Gesteinsbrocken, Eis und Schlamm – und nicht um von Menschenhand geschaffene Infrastruktur. Menschliche Baumaßnahmen könnten die Folgen verschlimmert haben, denn begradigte Flüsse fließen schneller als frei fließende Flüsse. Aber natürlich müssen sich vor allem Ingenieure mit dieser Frage befassen, um Risiken in Zukunft zu mindern.

taz: Werden die Gletscher, Flüsse, Berge der betroffenen Region kontinuierlich überwacht?

Dennis: Momentan arbeiten viele Wissenschaftler im Hochgebirge des Himalaja. Aber es ist aufgrund der abgelegenen Regionen nicht einfach, ausreichend Daten zu bekommen. Was wir aber sicher wissen, ist: Die Erderwärmung führt zu einem stärkeren Abschmelzen der Gletscher, deshalb nimmt auch das Risiko für solche Ereignisse zu.

taz: Ist der Himalaja vom Klimawandel besonders betroffen?

Dennis: Beinahe alle Gebirge weltweit erwärmen sich tendenziell etwas schneller als der Rest der Erde. Das hängt damit zusammen, wie Energie im Klimasystem und in der Atmosphäre verteilt und transportiert wird. [2][Hinzu kommen Rückkopplungseffekte. Wenn ein Gletscher schmilzt und daneben Fels zum Vorschein kommt, ist dieser Fels normalerweise deutlich wärmer.] Er kann Strahlung aufnehmen und gibt diese Wärme wieder ab. Dadurch kann das Abschmelzen des Gletschers zusätzlich verstärkt werden.

taz: Könnte so eine Katastrophe in jedem [3][Gebirge] stattfinden?

Dennis: Nein. Die Risiken für eine solche Ereigniskette bestehen zwar an vielen Orten, an denen die Kombination aus auftauendem Permafrost und Gletschergefahren vorkommt. Auch in den Alpen kann ein Gletscher zusammenbrechen, einen Murgang auslösen, einen Fluss stauen und eine Überschwemmung verursachen. Ein Ereignis in der Größenordnung wie jetzt in Nepal wäre in den Alpen jedoch wahrscheinlich nicht möglich. Im Himalaja ist gerade Monsunzeit, weshalb die Flüsse dort besonders viel Wasser führen. Gleichzeitig gibt es dort deutlich größere Gletscher und eine höhere Sedimentfracht in den Flüssen. Insgesamt sind die Dimensionen dort einfach deutlich größer.

taz: Waren solche Ereignisse auch früher häufig, aber keine Menschen und ihre Kameras dabei?

Dennis: Natürlich könnte es sein, dass wir sie heute häufiger wahrnehmen, weil wir mehr Daten haben und besser dokumentieren. Es gibt aber Studien, die versuchen, dieses Problem zu berücksichtigen. Sie verwenden andere Methoden, um zu untersuchen, wie häufig solche Ereignisse in der frühen Vergangenheit im Vergleich zu heute aufgetreten sind. Und diese Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Häufigkeit solcher Ereignisse zumindest in den Alpen tatsächlich zunimmt.

taz: Können die Menschen im Hochgebirge sich irgendwie schützen?

Dennis: Das Wichtigste ist, den Druck auf unseren Planeten zu reduzieren, also mehr Klimaschutz, schnell, überall. Wissenschaftlich wird intensiv daran gearbeitet, mittels Satellitenbildern und anderer Daten, Regionen mit besonders hohen Risiken zu identifizieren, damit sich die Menschen dort ganz praktisch schützen können. Technische Schutzsysteme zu entwickeln, die gegenüber solchen Ereignissen widerstandsfähig sind, ist teuer und aufwendig. Aber nochmal: Die Gefahr hängt auch davon ab, wie stark sich die Erde weiter erwärmt. Je stärker sich diese Gebirgsregionen erwärmen, desto größer wird die Gefahr.

27 Aug 2026

[1] /Katastrophe-im-Himalaya/!6207563

[2] /Unwiderrufliche-Erderhitzung/!6153691

[3] /Drang-nach-oben/!6191866

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Heike Holdinghausen

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