taz.de -- Enthüllung des Merkel-Porträts: Lieber Maler, male mir
Staatstragende Beine wie bügelfaltenumhüllte Säulen: Das frisch enthüllte neue Merkel-Porträt des jungen Künstlers Jérémie Queyras beschönigt nichts.
Bild: Et voilà! Der Künstler Jérémie Queyras und die Kanzlerin a. D. bei der feierlichen Enthüllung
Immer geradeaus, durch das Foyer und die untere Galerie muss man laufen, dann die von Venus und Merkur bewachte Treppe erklimmen, entlang unter den marmornen Blicken von König Friedrich II. von Preußen, Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, und diversen hohen Militärs, dann bitte nach links in die Galerien und dann, schließlich, steht man inmitten des französischen Barocks. Freizügige Bacchanten, deren bare Bäuche sich mal prall-spannend, mal erotisch definiert präsentieren, hängen hier mit barbusigen Frauen, geflügelten Halbwesen und nackten Babys rum. Der kleine, verschmitzte „Genius des Überflusses“ streckt ein paar Rosenblüten in Richtung des Besuchenden – oder eben in Richtung von Angela Merkel, Kanzlerin a. D.
Ein „Kniestück en face“ ist es geworden, so weit die knappe kunsthistorische Einordnung, welche die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Marion Ackermann, in ihrer Rede zur Enthüllung abgibt. Betont wird auch Merkels Liebe zur Kunst, ihre Kommunikation durch (Blazer-)Farbe während ihrer Amtszeit und auch eine gewisse demokratische Augenhöhe, die sich in dem Motiv widerspiegeln würde.
Lang hatte sich die ehemals „mächtigste Frau der Welt“ Zeit gelassen mit der Wahl des Malers für ihr Kanzlerinnenporträt, was naturgemäß zu viel Spekulation führte. Am Ende wählte sie überraschend den jungen, privat studierten Deutschfranzosen Jérémie Queyras aus den eingegangenen Initiativbewerbungen aus. Auch die [1][zu früh verstorbene Henrike Naumann] soll so eine Initiativbewerbung geschrieben haben.
Stunden und Tage sollen Maler und Modell in einer Wohnung nahe der Museumsinsel verbracht haben, um unbehelligt von der Öffentlichkeit zu schaffen, was nun im Berliner Bodemuseum am Dienstagabend feierlich enthüllt wird. Freunde und Familie sind anwesend, ein bisschen Politik, ein bisschen Institution und natürlich die Journaille, aber die bitteschön weit weg vom Bild erst mal, hier bitte: ganz nach hinten durchgehen. Das hier ist schließlich Politik, nicht Kunst.
Nachdem die Reden gesprochen, das Bild enthüllt und die Fotos geschossen sind (Merkel und der Künstler, nur Merkel – der Künstler hopst erschrocken zur Seite, nur Künstler – ganz staatsmännisch kehrt er zurück ins Bild), darf auch die Presse sich nähern.
Blau, blau, blau sind alle meine Blazer
Da ist zunächst viel Blau. Eine verwundernswerte Farbwahl. Klar, es ist ein schöner, ein schmetternder Farbton, klassisch kombiniert mit dem schimmernden Rahmen, dem güldenen, scharfen Seitenlicht. Historisch ein Farbton – da kostbar in seiner Beschaffung – der Herrscher, im zeitgenössischeren textilen Bereich dann vielleicht aber auch eher der FDJ-Uniformen und kunsthistorisch vor allem der von Maria, Mutti Jesu Christi.
Merkel trägt aber natürlich keinen samtenen Mantel, sondern einen schlichten, eben merkeligen Blazer. Vier Knöpfe, auch perspektivisch bedingt viel Stoff, der Hosenbund bedeckt, darunter ragen die staatstragenden Beine wie bügelgefaltete Säulen hervor – kompromittierende Momente wie der klemmende Marmorzwickel des Generals der Kavallerie Hans Joachim von Zieten im Treppenhaus wurden hier klugerweise tunlichst durch Verhüllung umgangen.
Während Merkels Vorgänger allesamt sitzen, zeigt sich die erste deutsche Kanzlerin stehend. Die Zeit, die den Prozess im Vorhinein begleiten durfte, schrieb der Pose eine gewisse Dynamik zu, doch erscheint sie nun hier, umgeben von so viel freudigen Nachbarn im Grünen, eher ein bisschen bedrängt im Raum, die rechte Hand ruhig hängend, die linke auf dem Mobiliar. Im Hintergrund der Schreibtisch mit angeschnittenem Aktendeckel, ein silberner Würfel, ursprüngliches Relikt aus ihrer Amtszeit. „In der Ruhe liegt die Kraft“ soll dort eingraviert sein. Wer dies nicht weiß, kann sich ein wenig wundern: Entscheidet der Würfel nicht nur Spiel, sondern auch Schicksal, und wohnt ihm nicht so automatisch der Aspekt der Willkür inne?
Willkürlich ist hier so einiges. Natürlich: Wo Licht ist, ist auch Schatten, und das stark inszenierte Seitenlicht betont so hart die Gesichtszüge der ehemaligen Kanzlerin, die man in leichter Untersicht wie ein Kind – und eben nicht auf angekündigter Augenhöhe – von unten bestaunt. Es trifft die Merkel in ihren späten Jahren an der Macht, gezeichnet von Arbeit und Verantwortung. Geschönt wurde hier nichts. Die nun muntere, weiche Privatperson, die sich jetzt vor ihrem Porträt fotografieren lässt, hat wiederum erstaunlich wenig mit dem repräsentativen Abbild gemein – und gerade das dürfte wohl als gelungen gelten.
Das Porträt wirkt untypisch für den jungen Maler
Ein bisschen grob ist der Duktus des jungen Künstlers und zugleich unerwartet wenig dynamisch, ein Adjektiv, das man viel las. Im Zusammenhang seines Œuvres in den letzten, aufgeregten Tagen, findet man schließlich nicht nur spontanere Porträts im Portfolio Jérémie Queyras’, sondern auch eine gewisse flache Abstraktion, Performances vom Malen zur Musik und Ähnliches.
Er solle sich gut überlegen, ob er den Auftrag annehmen würde, sagte die Kanzlerin a. D. zum Künstler, sein Leben werde danach nicht mehr das gleiche sein. Auch das wird noch mal in den Reden rekapituliert. Die Wahl eines vollkommen Unbekannten, dessen gesamte bewusste politische Sozialisation durch die Ära Merkel geprägt ist, wird gutmütig als überraschend, als Erwartungen unterlaufend und eben typisch Merkel interpretiert.
Es liegt jedoch auch etwas Eitles in der Entscheidung, ein unerfahrenes Gegenüber zu wählen, das mitnichten viel mitreden würde, an der Wahl des Motivs, des Stils, der Umsetzung. Dass das Merkel-Porträt nun so aus dem bisherigen Werkkörper des jungen Malers hervorsticht, könnte diese Vermutung bestätigen.
Die Kunst, sie ist frei und nichts und niemandem verpflichtet als sich selbst. Die „Ahnengalerie“ der deutschen Kanzler ist umstritten, als reaktionär und pompös. Gerade das blattgoldige Portrait Jörg Immendorffs von Gerhard Schröder erntete Belustigung bis Hohn. Und doch ist es vielleicht sogar die freiste, die künstlerischste Interpretation eines Altkanzlers, in die man sogar eine gewisse kritische Ironie hereinlesen könnte.
Angela Merkel hält es diesmal wie Helmut Kohl. Wie er zahlte sie das Bild selbst, dem Kanzleramt wird es nur geliehen – in ihrem Fall angeblich, um es abziehen zu können, sollte die AfD irgendwann übernehmen. Und bis zum Herbst ist es erst mal öffentlich zugänglich hier, im Bodemuseum, zwischen den barocken französisch Amüsierten.
Das beste Bild der Kanzlerin ist es mitnichten. Mindestens ein besseres gibt es schon lange, [2][das Porträt der US-amerikanischen Malerin Elizabeth Peyton]. Auch das eine Parallele zu Kohl. Der wurde nicht nur einmal besser gemalt, als Albrecht Gehse es offiziell tat. Der Autor und Maler Wolfgang Herrndorf porträtierte Kohl gleich mehrmals bestechend akkurat, [3][von altmeisterlich] bis [4][impressionistisch]. Aber das ist eben alles Kunst – und nicht Politik.
1 Jul 2026
LINKS
[1] /Zum-Tod-von-Henrike-Naumann/!6155015
[2] https://www.sothebys.com/en/buy/auction/2023/modern-contemporary-evening-auction-2/angela?locale=fr
[3] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/was-wolfgang-herrndorf-gemalt-hat-bevor-er-tschick-schrieb-110437311.html
[4] https://www.invaluable.com/auction-lot/herrndorf-wolfgang-klassiker-kohl-3422-c-3dcf9ef26f?srsltid=AfmBOoqzu49eqSourga8m0JZMBEEyacUEb0ZO9Fh52r0AxlDJhFlYqlF
AUTOREN
Hilka Dirks
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