taz.de -- Debatte um Teilzeit: Die Freiheit der Arbeit und des Geldes

Vor allem männliche Mittsechzigermittelständler sehen ihren Job offenbar als Verlängerung ihrer Persönlichkeit und ihres Freiheitsgewinns. Warum?

Bild: Weihnachtsmann im Schaufenster: Genuss echter Selbsterfahrung durch Arbeit?

Einige kennen es: Beim Abendessen oder Kaffee mit den besserverdienenden Boomer-Eltern von Freund:innen kommt das Gespräch irgendwann zwangsläufig auf den Job. Nach „Bist du zufrieden?“ und „Wie geht’s jetzt weiter?“ ist man schnell bei [1][Teilzeitdebatte] und dürftiger Arbeitsmoral unter jungen Leuten angelangt. Der selbstständige Dad, sei er Architekt, Ingenieur oder Arzt sagt dann so was wie „Also ich empfinde meinen Job gar nicht als Arbeit“, oder noch besser „Ich würde das auch ohne Bezahlung machen“.

Vor allem männliche Mittsechzigermittelständler sehen ihren Job offenbar geradezu als Verlängerung ihrer Persönlichkeit, als Freiheitsgewinn. Woran liegt das? Und warum geht es nicht allen so?

Ein naheliegender Grund ist sicher, dass Arbeit – und damit Geld – vieles ermöglicht: Jede Tätigkeit, die über die Sicherung des Überlebensnotwendigen hinausgeht, erlaubt mir, die Welt um mich herum nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Ich kann mir ein Haus nach meinen Vorstellungen bauen, mir einen Familien-Van kaufen, die Hecke im Vorgarten in die Form meiner Wahl stutzen. Potenziell erschaffe ich mir also, indem ich arbeite, Freiheit.

Auch lässt sich argumentieren, dass etwas Freiheitliches in der Handlung der Arbeit selbst liegen kann. Wenn ich etwas erschaffe, einen Stuhl baue oder ein Bild male, kann ich mich selbst darin wiedererkennen. Diese Art von Selbstbewusstsein und -erfahrung bleibt dem, der nur andere für sich arbeiten lässt, verwehrt, wie zum Beispiel Hegel sehr viel komplexer in seiner Herr-Knecht-Dialektik darlegt. Sie kann mir auch zukommen, wenn ich kein selbstständiger Workaholic-Vater bin.

Arbeit bringt selten echte Selbsterfahrung

Aber Moment: Da, wie man auch ohne Marx zu lesen schnell merkt, im Kapitalismus die Arbeit entfremdet ist und die meisten Menschen nahezu nichts mit dem Endprodukt zu tun haben, in dessen Fertigungskette sie arbeiten – dürften ganz viele von uns nur selten in den Genuss echter Selbsterfahrung durch Arbeit kommen. Und dann wohl häufig nicht während der Arbeitszeit, sondern beim Vogelhäuschenbasteln nach Feierabend.

Nicht nur unter jungen Menschen empfinden viele Lohnarbeit daher vor allem als Zwang. Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja bezeichnet Arbeitszeit auch als „Maß der Freiheit“, weil ihre Länge im Umkehrschluss bedingt, wie viel Zeit wir zu unserer freien Verfügung haben – während wir im Betrieb vor allem fremdbestimmt tun, was andere uns sagen. Selbst mit Gleitzeit, Homeoffice und Kickertisch im Pausenraum können die Wenigsten wirklich mitentscheiden, was, wie viel und für wen sie produzieren. Nur wer sich zeitweise dem „fremden Zugriff auf die eigene Arbeitskraft entziehen kann, mag (wenn auch nur formal) als ‚frei‘ gelten.“ Und auch Care-Arbeit sollte nicht vergessen werden: „Ich arbeite gerne und viel“, lässt sich leicht sagen, wenn andere für einen die Kindererziehung und den Abwasch erledigen.

Ob ich meinen Job nun als Erweiterung oder Einschränkung meiner Freiheit empfinde, hängt stark davon ab, ob ich für mich selbst oder für andere arbeite, wie entfremdet ich vom Produkt meines Schaffens bin und wie viel dabei für mich herausspringt. Da nach wie vor nur wenige, wie die glücklichen Boomerväter, im Besitz der Produktionsmittel sind, und viele stattdessen [2][Bullshitjobs] verrichten müssen, dürfte aber häufig gelten: je mehr Freizeit, desto höher das „Maß der Freiheit“.

27 Jan 2026

[1] /Die-CDU-und-die-Lifestyle-Teilzeit/!6144442

[2] /Bullshit-Jobs/!5709437

AUTOREN

Fabian Schroer

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