taz.de -- Die CDU und die Lifestyle-Teilzeit: Vollzeit-Populismus
Der Wirtschaftsflügel der CDU will Teilzeit für viele Menschen abschaffen. Diese Idee geht an der Realität von arbeitenden Menschen vorbei.
Bild: Arbeiten bis zum umfallen und am besten mit guter Laune
Deutschland, ein einziger Haufen von Faulen und Blaumachern. Zumindest in den Augen der CDU. Da unterstellt Bundeskanzler und [1][CDU-Chef Friedrich Merz kranken Menschen,] eher blauzumachen, als tatsächlich malade zu sein. Und da will der CDU-Wirtschaftsflügel nun auch noch den Rechtsanspruch auf Teilzeit abräumen. Die sei nämlich nur eine Art [2][Lifestyle-Teilzeit. ]
Allein diese Formulierung zeigt, wie groß das Misstrauen der CDU gegenüber der arbeitenden Bevölkerung ist. So nach der Devise: Das Land ist in der Krise, es braucht mehr Wirtschaft, mehr Leistung, mehr Arbeitsstunden, also jeden und jede. Und immerzu. Aber was macht das Humankapital? Legt sich einfach auf die faule Haut.
Das wertet nicht nur arbeitende Menschen ab, sondern verkennt vollkommen die Realität: Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist mit rund 46 Millionen Menschen so hoch wie noch nie, auch Überstunden wurden so massiv angesammelt wie schon lange nicht mehr. Mittlerweile sind 74 Prozent der Frauen berufstätig. Zugegeben, fast die [3][Hälfte der erwerbstätigen Frauen hat einen Teilzeitjob].
Aber das nicht, weil sie der Freundin im Café den neuen Nagellack präsentiert, sondern aus einem schlichten Grund: Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen. Beides ist vielerorts immer noch nicht so organisiert, dass Eltern mal so eben den ganzen Tag lohnarbeiten können.
Das weiß sogar die CDU, weswegen Kinderbetreuung und Pflege als „Lifestyle-Ausrede“ sogar gelten dürfen. Die CDU sollte aber auch wissen, dass Mütter – und sogar Väter – nach der Familienphase mit reduzierter Arbeitszeit nicht mal so eben auf eine Vollzeitstelle wechseln können. Viele Firmen haben diese Stellen gar nicht, andere zeigen sich unflexibel beim Wechsel von Arbeitszeitmodellen.
Deutschland braucht mehr Arbeitskräfte, da hat die CDU schon recht. Aber die sind doch schon da, es gibt unendlich [4][viele Migrant:innen, die arbeiten wollen] und können. Warum aber schiebt die Bundesregierung sie dann massenhaft ab? Selbst jene, die einen Job haben, sogar in Branchen, die kaum noch jemand anderes machen will? Backhandwerk, Altenpflege, Gebäudereinigung zum Beispiel.
Mit „Vorschlägen“ wie denen von Merz und der Wirtschaftsunion dürfte es der CDU kaum gelingen, die Menschen zu (noch) mehr Arbeit zu bewegen und die Produktivität anzukurbeln. Misstrauen und Populismus sind nicht nur ein schlechter Politikstil, sie könnten sich in der Zukunft negativ auswirken. Denn wer Menschen grundlos beschimpft, läuft immens Gefahr, Wählerstimmen zu verlieren.
26 Jan 2026
LINKS
[1] /Kanzler-kritisiert-hohen-Krankenstand/!6146310
[2] /Angriff-auf-Arbeitnehmerrechte/!6148580
[3] /Frauen-und-ihre-Teilzeitjobs/!5949575
[4] /Gefluechtete-in-der-Berufsausbildung/!6124417
AUTOREN
Simone Schmollack
Vollzeit
Reden wir darüber
Mütter
Care-Arbeit
Lifestyle
Arbeitszeit
Teilzeitarbeit
GNS
ARTIKEL ZUM THEMA
Politiker und Bürger: Mehr Vertrauen wagen
Die Politik sollte nicht mit Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern arbeiten. Sondern auf Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein setzen.
Parlamentarische Sommerpause: Ohne Fleiß kein Preis
Es geht nicht voran mit den Reformen. Deshalb fordert der Verband der Familienunternehmen, das Parlament solle durcharbeiten. Richtig so, oder?
Kampf um Arbeitnehmerrechte: Krank zur Arbeit oder kein Geld
Die Union will Arbeitnehmer:innenrechte abbauen. Und nutzt dafür die schon teilweise praktizierte rechtswidrige Praxis von Unternehmen.
Debatte um frühzeitigen Ferienstart: Kann man sich den letzten Schultag vor den Ferien schenken?
Wegen dieser Frage steht Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin in der Kritik. Ja, Familienurlaub ist ein Härtefall. Es geht aber auch ums Prinzip. Ein Pro & Contra.
Debatte um Arbeitnehmerrechte: Keine Straßenbahn für mehr Lifestylefreizeit
In Berlin ist es arschkalt und dann streikt auch noch die BVG. Das ärgert viele, aber der Streik ist wichtig für die Angestellten und ein gutes Leben.
Debatte über Teilzeit-Arbeit: Vom „Wohlstand“ bekomme ich nur Brotkrumen
Die CDU-Kampagne gegen "Lifestyle-Teilzeit" soll triggern. Das tut sie auch. Denn wir sollen mehr arbeiten, aber vom Wachstum haben wir wenig.
Debatte um Teilzeit: Die Freiheit der Arbeit und des Geldes
Vor allem männliche Mittsechzigermittelständler sehen ihren Job offenbar als Verlängerung ihrer Persönlichkeit und ihres Freiheitsgewinns. Warum?
Autorin Teresa Bücker zu Teilzeitstreit: „40 Stunden sind zu viel“
Das Recht auf Teilzeit abzuschaffen, wäre ein Angriff auf die Gleichstellung, sagt die Buchautorin. Sie fordert ein neues Verständnis von Vollzeit.
FAQ zur Arbeitszeit: Teilzeitquote ist so hoch wie nie zuvor
Mit der Forderung nach weniger Teilzeit entfacht der Wirtschaftsflügel der Union eine Debatte. Wie ist die Lage wirklich und wo geht die Entwicklung hin?
Angriff auf Arbeitnehmerrechte: Kritik an CDU-Vorstoß zur Einschränkung von Teilzeit
Der CDU-Wirtschaftsflügel provoziert mit einem Vorschlag, „Lifestyle“-Teilzeit zu begrenzen. Daran gibt es reichlich Kritik – auch aus eigenen Reihen.
Familienpflegegeld: So bleibt es wieder an den Frauen hängen
Geld für die private Pflege klingt verlockend, ist aber verkehrt. Es drängt weiter Frauen in die Care-Arbeit und hält sie vom Arbeitsmarkt fern.