taz.de -- Antifa-Prozess in Paris: Grünes Licht für Auslieferung

Frankreichs will den Antifaschisten Gino nach Deutschland schicken. Damit besteht nun die Gefahr einer Auslieferung an Ungarn.

Bild: Antifaschist Rexhino Abazaj „Gino“ während einer Pressekonferenz in Paris im September

Einer Überstellung des [1][Antifaschisten Rexhino Abazaj (besser bekannt als Gino)] an die deutsche Justiz steht nun nichts mehr im Wege. Und damit wird auch eine mögliche Auslieferung an ungarische Behörden wahrscheinlicher. Der französische Kassationsgerichtshof hat am Mittwoch eine Beschwerde seiner Anwälte gegen ein Urteil im August zurückgewiesen. Das Pariser Berufungsgericht hatte am 19. August angeordnet, dass dem deutschen Gesuch stattgegeben werde. Der von Ungarn gesuchte Albaner müsse an die deutsche Justiz zur eventuellen Strafverfolgung überwiesen werden.

[2][Zusammen mit anderen Antifaschisten] soll Gino bei einer Gegendemonstration anlässlich eines jährlichen Neonazi-Aufmarschs in Budapest Personen körperlich angegriffen haben. Die Anwälte der beschuldigten Antifaschisten wiesen von Beginn darauf hin, dass die polizeilichen Ermittlungen zur Zeit des Orbán-Regimes äußerst fragwürdig waren und einzig darauf abzielten, die Tatbestände so gravierend wie möglich aufzubauschen, um die aus mehreren Ländern angereisten Gegendemonstranten zu langen Strafen zu verurteilen.

Mit dem jetzigen Entscheid konnte die französische Justiz keinen Grund erkennen, weshalb dem rechtsstaatlichen Ersuchen des befreundeten Nachbarlandes zu misstrauen wäre oder dessen Wunsch unrechtmäßig sein könnte. Problematisch kann dieses Urteil jedoch werden, weil nicht garantiert wird, dass Gino nicht noch für einen Prozess nach Ungarn ausgeliefert wird. Dieses Mal zwar nicht von der französischen Republik – die damit ein reines Gewissen behalten kann -, sondern von der deutschen Justiz, die sich in der Vergangenheit (wie der Fall von Maja T. zeigt) bereits kooperativ mit ungarischen Amtskollegen zeigte.

Ursprünglich hatte die französische Justiz den ungarischen Haftbefehl und das Auslieferungsbegehren abgelehnt, weil sie davon ausging, dass die erwarteten Strafen unverhältnismäßig streng würden und die Haftbedingungen in Ungarn als inhuman charakterisiert wurden. Doch damit fanden sich die ungarischen Behörden nicht ab. Mit Erfolg erbaten sie sich Unterstützung in Deutschland.

Die deutschen Behörden wollen nun über Gino verfügen, weil es unter den in Budapest verletzten Rechtsextremisten auch deutsche Staatsangehörige gab und somit die deutsche Justiz zuständig wäre. Nur stützt sich diese weiterhin auf die fragwürdigen Ermittlungen der ungarischen Polizei des Orbán-Periode. In Deutschland droht Gino bei einem Prozess eine Höchststrafe von 10 Jahren Haft, in Budapest dagegen bis zu 24!

Am Mittwochabend fand in Paris eine Solidaritätsveranstaltung für Gino und alle Antifaschisten von Budapest statt. Der Fall der [3][rechtswidrigen Auslieferung von Maja T.] beweist, wie berechtigt die Befürchtung ist, dass Deutschland auch im Fall von Gino nur eine erste Etappe bei der Verfolgung der Antifaschisten sein könnte.

30 Sep 2026

[1] /Soli-mit-albanischem-Antifaschisten/!6216191

[2] /Wegen-drohender-Auslieferung-nach-Ungarn/!6117374

[3] /Urteil-gegen-Maja-T/!6147127

AUTOREN

Rudolf Balmer

TAGS

Schwerpunkt Antifa

Viktor Orbán

Gerichtsprozess

Auslieferung

Maja T.

Ungarn

Budapest

Schwerpunkt Frankreich

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Gesucht wegen Angriffen in Budapest: Antifaschist Gino Abazaj stellt sich der Polizei in Hannover

Seit Jahren fordert Ungarn die Auslieferung des albanischen Antifaschisten Gino Abazaj. Nun stellte er sich selbst auf einer Polizeiwache in Hannover.

Brüssel und Budapest: Es geht um Geld, viel Geld

Nach dem Sturz Orbáns gehen Reformen in Ungarn nur schleppend weiter. Abgeordnete des Europäischen Parlaments kommen kaum an Informationen.

Demo in Berlin nach Urteil in Ungarn: Feuerwerk für Maja T.

Nach dem Urteil gegen die An­ti­fa­schis­t:in Maja T. ziehen Hunderte durch Kreuzberg und Friedrichshain. Die Demo ist wütend – und relativ klein.

Prozess in Budapest: Maja T. zu acht Jahren Haft verurteilt

In Budapest ist im Prozess um Gewalttaten gegen Rechtsextremisten das Urteil gegen die deutsche An­ti­fa­schis­t*in Maja T. gefällt worden.

Ungarn gegen An­ti­fa­schis­t*in: Verteidiger fordert Freispruch für Maja T.

Immer noch wird in Budapest gegen Maja T. verhandelt, nun steht der Prozess vor einem Ende. In seinem Plädoyer bemängelt der Verteidiger fehlende Beweise.

Proxied content from gemini://taz.de/Antifa-Prozess-in-Paris/%216217830 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Antifa-Prozess-in-Paris/%216217830
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.