taz.de -- Angriffe auf Vergesellschaftung: Das Kapital schlägt zurück

Die derzeitigen Angriffe auf Deutsche Wohnen & Co enteignen sind umfassend. Eine Koalition aus Wirtschaftsverbänden bis hin zur SPD hat Angst vor Vergesellschaftung.

Bild: Viel Ehrlichkeit bei einer Vermieter-Demo gegen den Mietendeckel 2019

Erst haben die Berliner:innen mit großer Mehrheit für die Vergesellschaftung der Bestände der privaten Immobilienkonzerne votiert, dann hat eine Expertenkommission des Senats die Pläne für geboten und umsetzbar erklärt, schließlich Deutsche Wohnen & Co enteignen [1][ein Vergesellschaftungsgesetz vorgelegt]. Und dann haben auch noch die Enteignungsbefürworter:innen der Linken realistische Chancen, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September [2][ganz vorne zu liegen].

Das alles muss für die Kapitalfraktion zu viel gewesen sein. Anders als mit einer realen Angst vor einer Umsetzung ist die aktuelle Welle der Angriffe auf die Vergesellschaftungs-Initiative nicht zu verstehen. Es ist eine ganz große Koalition, die sich derzeit darum bemüht, den Status quo der Eigentumsverhältnisse zu zementieren. Sie reicht von der CSU über Vonovia bis hin zur Berliner SPD. Die Kapitalseite hat Berlins Mieter:innen den Kampf angesagt.

Los ging es mit Markus Söder, dem bayerischen Ministerpräsidenten, der sich öffentlichkeitswirksam über die geplante „Enteignung“ echauffierte: Sie sei „eine Schnapsidee“ und mute „wie Sozialismus an“. Eine bayerische Bundesratsinitiative, die den Bund auffordert, die Vergesellschaftung per Gesetz zu verunmöglichen, wurde breit beklatscht, vom Verband der Familienunternehmer bis zum Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen.

Als Bayern Mitte Juni zusammen mit Nordrhein-Westfalen einen entsprechenden [3][Antrag auf der Bauministerkonferenz] einbrachte, kam die Rückendeckung in Form eines [4][Appells der Berliner Wirtschaftsverbände]: IHK, Handwerkskammer, Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg und Verein Berliner Kaufleute und Industrieller. Angesichts der Warnung vor „zu erwartenden massiven Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland“ nickten die Bauminister den Antrag ab.

Wirtschaft mischt sich in Wahlkampf ein

Besagte Berliner Verbände sind zudem derzeit dabei, eine große öffentliche Kampagne gegen die Umsetzung des Volksentscheids vorzubereiten, mit tatkräftiger Unterstützung des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen BBU, der zu einem Sprachrohr seines größten Mitglieds Vonovia verkommen ist. In der Wahlkampfzeit bis zur Abgeordnetenhauswahl wird Berlin mit Werbung geflutet werden, [5][wie die taz bereits vorab berichtet hat].

Die inhaltliche Rückendeckung für diese Kampagne kommt von einer gemeinsamen Initiative [6][der Berliner Sparkasse, Volksbank, DKB und Investitionsbank Berlin]. Diese präsentierten Ende Juni gleich mehrere von ihnen in Auftrag gegebene Rechtsgutachten, die vor einer Vergesellschaftung warnen.

Konkrete Vorschläge, wie der Vergesellschaftungsartikel 15 des Grundgesetzes eingeschränkt werden kann, [7][lieferten dann die Finanzminister Berlins und Hamburgs]. Ihnen vorausgegangen war wiederum ein Brief des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen GdW.

Der Antrag von Berlins Finanzminister, Stefan Evers (CDU), und seinem Hamburger Pendant Andreas Dressel (SPD) an die Finanzministerkonferenz wurde dort bereitwillig aufgenommen und in Form eines Briefes an Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) weitergeleitet. Die Bundesregierung ihrerseits einigte sich in ihrem Koalitionsausschuss darauf, den Rufen nach einer Gesetzesinitiative Taten folgen zu lassen. Klingbeil argumentierte ohne Scham, dass ihm bei einem „Investoren-Round-Table“ drei Investoren gesagt hätten, aufgrund der Vergesellschaftungsdiskussion nicht mehr in Berlin bauen zu wollen.

Die Drohungen des Kapitals werden von CDU/CSU und SPD damit deutlich ernster genommen als die Sorgen von Millionen Mieter:innen und einer demokratischen Entscheidung per Volksentscheid. Wenn der „Standort Deutschland“ auch nur ein bisschen mehr bedeuten sollte, als ein Staat, für den Investoreninteressen die oberste Priorität sind, ist das die viel größere Gefahr als 220.000 Wohnungen, die den Eigentümer wechseln.

9 Jul 2026

[1] /Gesetz-von-Deutsche-Wohnen-enteignen/!6112510

[2] /Wechselstimmung-in-Berlin/!6187851

[3] /Sonderbauministerkonferenz-in-Berlin/!6186447

[4] https://www.hwk-berlin.de/artikel/appell-der-berliner-wirtschaft-zur-sonderbauministerkonferenz-wohnungsbau-sichern-vergesellschaftung-verhindern-91,0,1405.html

[5] /Kampagne-gegen-Vergesellschaftung/!6193994

[6] /Initiative-gegen-Vergesellschaftung/!6187723

[7] /Verbot-von-Vergesellschaftungen/!6194273

AUTOREN

Erik Peter

TAGS

Deutsche Wohnen & Co enteignen

SPD

Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin

Vergesellschaftung

Social-Auswahl

Reden wir darüber

ARTIKEL ZUM THEMA

Ergebnis der Sondierungsgespräche: Der steinige Weg zur Vergesellschaftung

Trotz aller Unkenrufe soll die Vergesellschaftung nun kommen. Ob der Schritt ein Erfolg wird, hängt davon ab, ob das Gericht die Entschädigungsumme akzeptiert.

Reaktion auf mögliches Linksbündnis: CSU fürchtet „sozialistisches Himmelfahrtskommando“

Die kleinere Unionspartei drängt auf das schon verabredete Verbot von Wohnungsenteignungen durch die Länder.

Professorin über Vergesellschaftung: „Wir wohnen radikal ungleich“

Schwarz-Rot will die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen verbieten. Die Stadtplanungsexpertin Barbara Schönig ist darüber „doppelt erschüttert“.

Hitze, Klima, Wohnen: Was das Kapital nicht schafft

Die Erzählung vom Kapital als scheuem Reh schützt eine Ordnung, in der die einen am privaten Pool liegen, während die anderen an Hitze sterben.

Verbot von Vergesellschaftungen: Das doppelte Spiel der SPD

Beim Plan der Bundesregierung, die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen zu verhindern, spielt die SPD eine viel größere Rolle, als bislang bekannt. Sie folgt dem Druck der Immobilienlobby.

Kampagne gegen Vergesellschaftung: Mit „Fakten“ gegen Fakten

Unternehmens- und Vermieterverbände planen eine große Kampagne gegen die Vergesellschaftung in Berlin. Start ist Ende Juli, die taz hat sie schon vorher gesehen.

Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen: Bundesregierung enteignen!

Die Bundesregierung will die Vergesellschaftung untersagen. Dürfen die das? Und was bedeutet das für die nächste Berliner Regierung? Alle Antworten auf die drängenden Fragen.

Proxied content from gemini://taz.de/Angriffe-auf-Vergesellschaftung/%216194621 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Angriffe-auf-Vergesellschaftung/%216194621
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.