taz.de -- Greenwashing in Wilhelmshaven: Umwelthilfe gegen grünes Gas
Nach einer Studie der DUH ist der Import von synthetischem Methan ineffizient nd zu teuer. Das geplante Terminal werde fossile Infrastruktur zementieren.
Bild: Vorne Schafe auf grüner Wiese, hinten LNG-Schiff für grüne Energie: Umwelthilfe warnt vor Augenwischerei
Die Pläne für eine grüne Energiedrehscheibe am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven müssen aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) als Greenwashing bezeichnet werden. Die Umweltorganisation legte am Montag eine Studie vor, nach der der angekündigte Import von CO2-neutral erzeugtem Methan ineffizient und unwirtschaftlich wäre – und somit unrealistisch sei.
„In Wilhelmshaven wird unter dem Vorwand der Umstellung auf grüne Gase ein Projekt vorangetrieben, über das am Ende doch nur fossiles Flüssiggas importiert werden wird“, warnt Sascha Müller-Kraenner, Hautpgeschäftsführer der DUH.
In der ostfriesischen Hafenstadt liegen bereits zwei Schiffe, die über See geliefertes Flüssiggas aufnehmen und regasifizieren könnten, sodass es ins deutsche Netz eingespeist werden könnte. Die Schiffe waren gechartert worden, nachdem Deutschland infolge des Ukrainekrieges von den Gaslieferungen aus Russland abgeschnitten worden war.
Geplant ist jetzt ein festes Flüssiggasterminal auf dem Voslapper Groden, einem EU-Naturschutzgebiet neben dem Jade-Weser-Port. Das Terminal soll Teil eines „grünen Energieparks“ werden, in dem Liquid Natural Gas (LNG) sowie perspektivisch immer mehr Electric Natural Gas (ENG) umgeschlagen werden soll. Beide Male handelt es sich um Methan (Erdgas), im ersten Fall allerdings fossil, im zweiten Fall aus erneuerbarer Energie.
Konzept mit Haken
Die Idee der belgischen Firma Jade Energy klingt bestechend: Im Ausland wird mit grüner Energie Wasserstoff (H2) erzeugt, mit CO2 zu Methan synthetisiert und per Schiff nach Deutschland gebracht. Dort wird das Gas verbrannt, das entstehende CO2 aufgefangen und wieder ins Ausland verfrachtet – ein geschlossener Kreislauf.
Dieses Verfahren habe jedoch gravierende Nachteile gegenüber anderen Optionen, erneuerbare Energie zu importieren, stellt Philipp Herpich von der Forschungsgruppe Fossil-Exit der Universität Flensburg fest, Co-Autor der Studie.
Zum einen gehe bei dem CO2-Kreislauf sehr viel Energie verloren. Von 100 Einheiten exportierten Stroms kämen über die Elektrolyse, Methanisierung, Verflüssigung, Seetransport, Refomierung und CO2-Rückführung nur 30 Einheiten als Wasserstoff in Wilhelmshaven an.
ENG sei den Alternativen Pipeline-Wasserstoff oder Ammoniak energetisch wie ökonomisch klar unterlegen, sagt Herpich. Beim Pipeline-Transport von Wasserstoff etwa komme 62 bis 65 Prozent der Energie in die Deutschland an. „Wir haben ein Kostenproblem bei der Energieversorgung in Deutschland“, bemerkt DUH-Hauptgeschäftsführer Müller-Kraenner, „wir können uns solche technischen Luftschlösser nicht leisten.“
Zum anderen werde ENG mit großer Wahrscheinlichkeit teurer sein und bleiben als LNG, warnt Herpich. Seiner Studie zufolge müssten „fünf weitgehend unabhängige Bedingungen“ eintreten, um ENG konkurrenzfähig zu machen: die Elektrolysekosten zur Herstellung von H2 müssten stark sinken, der Strom im Exportland sehr billig sein, die Kosten fürs Auffangen von CO2 stark fallen, CO2 teuer sein und das globale Angebot an ENG müsse sich verzwanzigfachen.
Die Wahrscheinlichkeit hierfür taxiert Herpich auf fünf Prozent. Der Anreiz für den künftigen Terminalbetreiber sei also groß, [1][bis zum Verbot ab 2044 munter LNG, also fossiles Flüssiggas zu importieren], denn für die Anlage sei es ja gleich, aus welchen Quellen das Methan stammt. „Das Investment würde sich auch ohne ENG lohnen“, sagt Herpich.
„Das Versprechen, in ferner Zukunft synthetisches Methan aus erneuerbaren Quellen zu importieren, erweist sich bei genauerem Hinsehen nur als Cover-Story für ein fossiles Terminal“, resümiert Constantin Zerger [2][von der DUH.] Damit werde Deutschlands Abhängigkeit von fossilen Importen weiter ausgebaut.
Der Projektentwickler Jade Energy bezeichnet das LNG-Terminal als erste Komponente eines Green Energy Hubs. „Damit wird ein Knotenpunkt für den Übergang geschaffen, der heute die Energiesicherheit erhöht und gleichzeitig im Laufe der Zeit eine schrittweise Umstellung auf grüne Energie ermöglicht“, heißt es in einer Pressemitteilung der Firma.
Das Vorhaben sei so konzipiert, das es den groß angelegten Import von LNG und ENG ermögliche und die Flexibilität biete, zukünftige grüne Energieimporte wie Wasserstoff abzuwickeln. Der Standort biete den Vorteil, direkt an das nationale Gasnetz, das Schienennetz und die neu entstehende grüne Energieinfrastruktur, einschließlich Wasserstoff, angeschlossen zu sein. Auf eine Bitte um Stellungnahme zur DUH-Studie reagierte Jade Energy nicht.
Die [3][DUH wie auch der BUND haben gegen die Pläne für das Terminal geklagt] – unter [4][Verweis auf den Naturschutz] – und vom Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht [5][(OVG) in Lüneburg einstweilen Recht bekommen]. Der entsprechende Bebauungsplan kann vorläufig nicht umgesetzt werden, weil die Gemeinde Wilhelmshaven nicht ausreichend sichergestellt hat, dass die vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen parallel zu den Bauarbeiten verwirklicht werden.
2 Nov 2026
LINKS
[1] /Energiepolitik-und-Energiewende/!6185319
[2] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/greenwashing-beim-lng-terminal-wilhelmshaven-bestaetigt-deutsche-umwelthilfe-fordert-endgueltige-absa/
[3] /Entscheidung-ueber-Gas-Terminal/!6144940
[4] /FFH-Gebiet-soll-Industrieanlage-werden/!6160862
[5] /Naturschutzgebiet-Voslapper-Groden/!6180978
AUTOREN
Gernot Knödler
LNG
Gaslieferungen
Wasserstoff
Energiewende in Gefahr
Klimaschutz
Deutsche Umwelthilfe
Naturschutz
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