taz.de -- BVG-Fundsachen im Auktionshaus: Humbug zum Höchstpreis
Die BVG versteigert im Öffi liegen gelassene Gegenstände. Die Auktion gewährt Einblicke in den Alltag der Großstadt und in rückhaltlose Wertschöpfung.
Bild: Zum Ersten, zum Zweiten, verkauft!
Im Industriequartier von Tempelhof, südlich des Teltow-Kanals, lädt das Auktionshaus Beier am Donnerstagmorgen zur Versteigerung von Fundgegenständen der Berliner Verkehrsbetriebe ein. Kurz nach 8 Uhr sind die ersten Interessenten da. Emsig treiben sie durch den Saal voller ausgelegter Ware. Mit ihren Auktionskatalogen gehen sie von Tisch zu Tisch und checken die ausgelegten Gegenstände, bevor um 10 Uhr die Auktion startet.
Und was lassen Berliner*innen so in den U-Bahnen und Trams dieser Stadt liegen? Erwartbarer Weise haufenweise Regenschirme (zu Bündeln gebunden), Handschuhpaare, eine Klarinette und eine Blockflöte, außerdem massenhaft Kopfhörer, Musikboxen, Vapes, zwei Bohrmaschinen und gleich mehrere nagelneue Birkenstock-Sandalen in Originalverpackung. In Paketen können ersteigert werden: die Kombination Sonnenschirm, Skateboard, Spannteppich. Oder vielleicht soll es lieber Besen, Wäschegestell, Poolboard sein?
Auf die Frage eines Interessenten, ob die in der Vitrine ausgestellte Sonnenbrillen mit Ray-Ban-Logo echt sein könnten, antwortet der Angestellte: „Das muss Ihr Kennerauge beurteilen.“ Er trägt Bürstenschnitt und einen Diamanten im Ohr, steht hinter der Vitrine und händigt an Interessierte die wertvolleren Gegenstände zur Begutachtung aus.
Was ihn besonders zu amüsieren scheint, sind die sogenannten Bietergefechte, wenn sich zwei auf einen Artikel eingefressen haben und ihre Gebote gegenseitig in die Höhe treiben. „Nur noch 5 mehr“, imitiert er sie und gibt schmunzelnd zu: „Die landen dann häufig nur knapp unter dem Ladenneupreis.“ Ob das nicht irrational sei? „Oh ja.“
Je mehr sich der Saal füllt, desto mehr gleicht die Stimmung irgendetwas zwischen Trödelmarkt und Bezirksamt-Wartezimmer. „Meine Damen und Herren, es ist 10 Uhr, die Besichtigungszeit ist zu Ende“, ruft eine Frau. Der Saal ist rappelvoll, neben den paar Stuhlreihen zwängen sich Menschen dicht aneinander und strecken ihre Köpfe in die Luft, um nach vorne zu sehen. Über Lautsprecher tönt nun die Stimme des Auktionators Ulrich Beier, der die Reihenfolge der Auktion bekanntgibt: „Fahrräder, Kleiderstangen, Vitrinen und zum Schluss der Schmuck.“
Als erster Gegenstand versteigert der alte Mann im grauen Jackett, den Holzhammer in der Hand: „Die Nummer 277, ein Kinderfahrrad. Einen Zehner?“, fragt er über seine auf der Nasenspitze sitzenden Brille hinweg. Im berühmten Singsang eines Auktionators, den Werner Herzog einst als die „Poesie des Kapitalismus“ schlechthin bezeichnete, iteriert und orchestriert Beier die Gebote, von 10 auf 12, auf 15, auf 20, bis jemand 30 Euro bietet und er schließt: „Zum Ersten, zum Zweiten, verkauft!“
Ein Raunen geht durch die Menge, als sich unter der geschickten Führung des alten Auktionators in wenigen Sekunden ein schnell getakteter und schwindelerregender Wettstreit zwischen zwei Bietern entwickelt, wodurch ein weiteres Fahrrad letztlich für 420 Euro an seinen neuen Besitzer gelangt. Die Klarinette kostet am Ende satte 170 Euro. Ein Kniemassagegerät erzielt im erbitterten Wettstreit der Bieter*innen 70 Euro. Und „ein Beutel mit Wäsche“ geht letztlich für sagenhafte 47 Euro weg.
Zu den aufgerufenen Preisen kommen 15 Prozent Aufgeld als Einnahme für das Auktionshaus obendrauf, zuzüglich Mehrwertsteuer. Auf Nachfrage will die Frau an der Kasse keine Auskunft über die Höhe der Einnahmen geben: „Zahlen herausgeben ist immer schwierig.“ Im Hintergrund höre ich den Auktionator „nicht nachlassen!“ rufen.
22 Oct 2026
AUTOREN
Nathan Pulver
BVG
Auktion
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