taz.de -- Krieg in der Ukraine: Verbotene Äpfel und Drohnen auf Moskau
Am Wahlsonntag in Russland fliegen ukrainische Drohnen auf Moskau. In der Ukraine steht die besetzte Stadt Oleschky vor einer Hungerkatastrophe.
Bild: Rauch über Moskau. Nach einem ukrainischen Drohnenangriff sind Flammen im Südosten der Stadt zu sehen
„Stellen Sie sich vor“, erzählt die Moskauerin Swetlana am Telefon der taz. „Ich war gestern beim Wählen und sah dann folgenden Aushang an der Eingangstür des [1][Moskauer Wahllokals]: ‚Achtung! Es ist verboten, das Wahllokal mit einem Apfel zu betreten. Personen, die dem zuwiderhandeln, müssen das Wahllokal verlassen. Die Verwaltung des Wahllokals.‘“
Bereits in den vergangenen Wochen hatte sie auch an anderen öffentlichen Gebäuden so einen Aushang gesehen. Dieses Verbotsschild zeigt, wie die russischen Wahlkommissionen die Partei „Jabloko“ – was auf Deutsch „Apfel“ heißt – fürchten. [2][Dabei sind deren Listen gar nicht zur Wahl zugelassen.] Am Sonntag endeten die drei Tage dauernden Wahlen zu Russlands Staatsduma. Alle Beobachter gehen von einem Sieg der Kreml-Partei „Einiges Russland“ aus. Die einzige Antikriegspartei „Jabloko“ konnte nur in einigen Stimmkreisen mit Direktkandidaten antreten. Ihre Listen waren landesweit nicht zur Wahl zugelassen worden.
Eine Aktion, bei der etwa AktivistInnen mit Äpfeln ins Wahllokal kommen würden, hatte niemand angekündigt. „Die Behörden hatten also Angst vor einer Aktion, die gar nicht angekündigt war“, erklärt Swetlana. Sie hat Zeit zu telefonieren. Ihr Flug, mit dem sie am Sonntagmorgen nach Istanbul fliegen wollte, wurde wegen der ukrainischen Drohnen verschoben. Nun hofft sie, dass sie am Abend fliegen kann.
Ausgerechnet an diesem Wahlsonntag griffen über tausend ukrainische Drohnen Russland an. Auf der Facebook-Seite des sozialdemokratischen russischen Dissidenten Pawel Kudjukin berichten einige Besucher von Einschlägen in ihrer Umgebung. Auch die Raffinerie Kapotnja, gerade einmal 15 Kilometer vom Kreml entfernt, brannte. Unterdessen zitiert die ukrainische Nachrichtenplattform New Voice Präsident Selenskyj, demzufolge die ukrainischen Streitkräfte neben zahlreichen Drohnen auch „Pelican“-Raketen über russischem Gebiet eingesetzt hätten.
Russland kündigt „sehr schweren“ Vergeltungsschlag an
Der Angriff könnte sich als Bumerang erweisen. Der russische Duma-Abgeordnete und Mitglied des Verteidigungsausschusses Andrej Kolesnik [3][hat einen „sehr schweren“ Vergeltungsschlag angekündigt.]
Unterdessen wurde bekannt, dass die Ukraine einen neuen Generalstaatsanwalt hat. Nach dem Rücktritt von Ruslan Krawtschenko hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den bisherigen Leiter der Staatsanwaltschaft der Region Chmelnyzkyj, Anton Kowalski, mit der kommissarischen Leitung der Generalstaatsanwaltschaft betraut.
Derweil hat sich der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen an Papst Leo XIV. und internationale religiöse und humanitäre Organisationen um Hilfe für die Bevölkerung der von Russland besetzten Stadt Oleschky im Gebiet Cherson gewandt. Die Stadt befinde sich in einer humanitären Blockade und stehe vor einer Hungerkatastrophe.
Nach Angaben des Kirchenrates sind in Oleschky und Umgebung möglicherweise noch mehr als 6.000 Menschen, darunter rund 200 Kinder. Die letzte Lieferung von Lebensmitteln habe das Gebiet Ende Mai erreicht. Den Bewohnern fehlten inzwischen Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente. Strom- und Gasversorgung seien ausgefallen, ein großer Teil der Infrastruktur sei zerstört.
20 Sep 2026
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AUTOREN
Bernhard Clasen
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GNS
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