taz.de -- Castorf-Premiere im Berliner Ensemble: Der Abgrund glüht sechseinhalb Stunden
Klaus Manns „Mephisto“ scheint das Bühnenmaterial der Stunde zu sein. Volksbühnen-Haudegen Frank Castorf inszeniert den Roman ganz ohne Moral, aber mit großem Interesse an Fetisch und Psyche.
Bild: „Mephisto“ von Frank Castorf am BE mit Sebastian Zimmler, Jens Harzer, Marina Galic, Roman Ott und Max Gindorff
Eine grünlich geflieste Bühnenrückwand, daran ein Pissoir, ein Waschbecken und eine Dusche. Vorne eine historisierende Theaterbar, eine holzvertäfelte Salonrückwand, dazu Barhocker. Auf einem von ihnen sitzt still Juliette Martens, Hendrik Höfgens „Schwarze Venus“ (Annabelle Lengronne). Max Gindorff betritt die Bühne und beginnt zu sprechen. Schnell wird klar: Es ist Klaus Mann selbst, der hier berichtet, der in spannungstragenden, knappen Sätzen erzählt und so das, was noch kommen wird, vorwegnimmt: Frank Castorfs „Mephisto“ greift über die Romanvorlage hinaus.
Mann beschreibt den Aufstieg und moralischen Fall des Freundes, des Schauspielers und späteren Intendanten Gustaf Gründgens, in seinem Roman benannt als Hendrik Höfgen, der, zunächst stumm, gespielt von Jens Harzer, nach vorne tritt. Und er beschreibt auch, wie dieser nach dem Untergang der Nationalsozialisten im Jahr nach dem Kriegsende 1946 erneut auf der Bühne steht und er im Publikum sitzt. Von hier entspinnen sich die ersten Dialoge. Doch erst mal folgt Tanz. Kleine körperlich ekstatische Sequenzen werden fortan den Abend durchziehen, ebenso wie Roman Otts Saxofon, in seiner Doppelrolle als Ministerpräsident beziehungsweise Hermann Göring und Theaterdirektor Schmitz.
[1][„Aktualität ist das Furchtbarste und Langweiligste im Theater“,] ließ der ehemalige Volksbühnenintendant Castorf anlässlich seines 75. Geburtstags schon im August in der Zeitung Die Welt verlauten. Es sei die Geschichte der Figuren, die den Regisseur interessieren würden, jedoch ohne Analogien zur Gegenwart zu ziehen, und in der Tat verhaftet dieser „Mephisto“ in der ihm eingeschriebenen Zeitlichkeit.
Zwar blitzt das Zeitgenössische ab und an in der oft typischen Kameraübertragung oder einigen selbstreferenziellen Momenten, wie dem eigenen Auftritt des Regisseurs in einer der Videosequenzen, auf, doch geschieht dies stets dann, wenn die Schauspielenden ihr Spiel offenlegen: Sie spielen sich selbst, ihre Rollen im Stück, im Roman, in der Geschichte und häufig, wie im Fall Sebastian Zimmlers als glühender Nazi Hans Miklas und überzeugter Kommunist Otto Ulrichs, gleich auch noch in doppelter Besetzung. Da kann man als Zuschauer anfangs schon mal durcheinanderkommen.
Hier ist wenig linear
Im Gegensatz zu [2][Jette Steckels sauber auserzähltem „Mephisto“], der, aus den Münchner Kammerspielen kommend erst im Mai dieses Jahres beim Berliner Theatertreffen zu Gast war, ist hier wenig linear, geht es zwar formal drunter und drüber, und doch zeichnen sich in dem so entstehenden Sog des Verstehen-Wollens dicht gewebte psychologische Fäden ab, die die Figuren beisammenhalten.
Da geht es um schwules Begehren, Sadismus, Fetisch und Exotismus, um Opportunismus und Überzeugungen, um Exzess, um die (Hass-)Liebe zum Theater und um die großen, ja auch die abstoßenden Zusammenhänge. Opulenz und Abgrund in Bühnenbild (Castorf-Vertrauter Aleksandar Denić) – vom Pinkelbecken bis zur Revuebühne mit den über ihr prangenden Lettern „Ich bin doch nur ein Schauspieler“ (eine Anspielung auf den letzten Satz in der Romanvorlage) – und Kostüm (Adriana Braga Peretzki) unterstreichen das rasende Spiel.
Dabei verkörpert Jens Harzer als Gründgens/Höfgen/Mephisto/Faust dieses scheinbar nebenbei mit zurückgeschmierten Haaren und teils schulterzuckender, teils nölender Intonation. Und auch die Monologe der Französin Lengronne als dominante Geliebte, die durch Übertitel dem Publikum vermittelt werden, ziehen ganz rollengerecht, fast qualvoll in ihren Bann.
Gerade in diesen Momenten gelingt es Castorf – vielleicht sogar unfreiwillig – schlussendlich doch, die Rezipienten in aktuelles Grübeln zu versetzen, konfrontieren sie die Betrachtenden doch zu sehr mit ihrem eigenen Blick. Dass das Ganze ohne den Zeigestock der Moral funktioniert, befriedigt dann den Geist so sehr, dass er auch die teils platten Kalauer verzeiht. Vielleicht sind es jedoch auch sie, die das Publikum über den sechseinhalbstündigen Abend tragen. Pause gibt es nur eine. Man sollte sie nicht zum Gehen nutzen – dies könnte man bitter bereuen.
20 Sep 2026
LINKS
[1] https://www.welt.de/kultur/plus6a6f16b0dd06dd5ef2e42275/frank-castorf-im-gespraech-die-afd-wird-man-nicht-mit-der-militanten-einheit-der-omas-gegen-rechts-aufhalten.html
[2] /Theatertreffen-Berlin/!6176327
AUTOREN
Hilka Dirks
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Theater Berlin
Schwerpunkt Nationalsozialismus
Kultur in Berlin
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