taz.de -- Selbstbezeichnung von Migranten: Durch die Brille der Mehrheitsgesellschaft

Einwanderer tendieren dazu, einander aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zu betrachten. Das sollten sie bleiben lassen.

Bild: Perspektivwechsel: Komiker Alfons wird von Olaf Scholz eingebürgert und beglückt ihn mit einer Errungenschaft seines Heimatlandes

Eines Samstagnachmittags war ich auf einem Kinderspielplatz. Dort war auch eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Kindern. Diese Begegnung brachte mich auf eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: Warum betrachten wir uns als Migrant*innen so häufig durch den Blick der Mehrheitsgesellschaft?

Immer wieder höre ich Sätze wie: „Wir Syrer sind anders als die Ukrainer.“ Früher hieß es: „Wir sind anders als die Libanesen.“ Auch innerhalb derselben Gruppe entstehen solche Abgrenzungen: Menschen, die mit einem Visum nach Deutschland gekommen sind, betonen, dass sie anders seien als diejenigen, die über Fluchtwege gekommen sind.

Wir unterscheiden zwischen den „legal“ und „illegal“ Eingereisten, den „alten“ und „neuen“ Geflüchteten, den „gut“ und „schlecht“ Integrierten. Damit übernehmen wir Kategorien, die darüber entscheiden sollen, wer dazugehört, wer erwünscht ist und wer nicht.

Vielleicht tun wir das aus Angst. Wir möchten beweisen, dass wir nicht zu dem negativen Bild gehören, das über Geflüchtete und Migrant*innen verbreitet wird. Also sagen wir: Wir sind anders. Wir sind die Guten.

Stolz auf die eigene Fluchtgeschichte

Doch genau damit übernehmen wir den Blick der Mehrheitsgesellschaft. Wir beginnen, andere Menschen mit Migrationsgeschichte zu bewerten, zu sortieren und in eine Hierarchie zu stellen.

Auch ich war lange Teil dieses Mechanismus. Mit dem Flüchtlingsmagazin Kohero wollte ich bewusst ein anderes Bild von Menschen mit Fluchtgeschichte zeigen. Ich war stolz auf meine eigene Fluchtgeschichte und wollte sichtbar machen, dass Menschen mit Fluchterfahrung nicht nur als Opfer erzählt werden dürfen. Wir zeigten Journalist*innen, Unternehmer*innen und engagierte Menschen mit Fluchtgeschichte.

Erst später verstand ich, dass auch darin eine Gefahr liegt: die Figur des „guten Geflüchteten“. Eine Kollegin sagte einmal zu mir: „Du bist ein Luxus-Geflüchteter.“ Sie meinte es als Kompliment. Ich hatte schnell Deutsch gelernt, Netzwerke aufgebaut, Kohero gegründet und einen Beruf gefunden. Ich galt plötzlich als positives Beispiel Aber wer entscheidet eigentlich, was einen „guten Geflüchteten“ ausmacht?

Am Anfang reicht es, Deutsch zu lernen. Dann soll man arbeiten und Steuern zahlen. Später kommen neue Erwartungen hinzu: Wie äußert man sich politisch? Welche Position vertritt man zu gesellschaftlichen Konflikten? Mit jeder Debatte entstehen neue Bedingungen dafür, wer als [1][„gut integriert“] oder „vorbildlich“ gilt.

Besonders deutlich wurde mir das, als ich mit Kohero einen Preis gewann. Für mich war selbstverständlich, dass dieser Preis der gesamten Community und unserem Team gehört. Deshalb standen wir gemeinsam auf der Bühne. Als die Blumen überreicht wurden, bekam sie jedoch meine Kollegin ohne Migrationsgeschichte. Dazu fiel der Satz: „Du siehst aus, als hättest du diese Idee gehabt.“

Es war nicht böse gemeint. Die Person entschuldigte sich später sehr emotional bei mir. Trotzdem blieb der Moment hängen. Denn er zeigte mir, wie tief die Vorstellung sitzt, dass [2][Menschen mit Fluchtgeschichte] zwar mitarbeiten können – aber nicht unbedingt selbst gründen, führen oder eine Vision entwickeln.

Deshalb reicht es nicht, nur über Rassismus und [3][Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft] zu sprechen. Wir müssen auch darüber reden, wie wir ihre Kategorien selbst übernehmen und gegeneinander verwenden. Vielleicht beginnt Solidarität genau dort: wenn wir aufhören, beweisen zu wollen, wer der „bessere“, „nützlichere“ oder „integriertere“ Migrant ist. Denn unsere [4][Fluchtwege] mögen unterschiedlich gewesen sein. Unsere Würde ist es nicht.

3 Sep 2026

[1] /Menschen-ohne-Aufenthaltsrecht/!6143028

[2] /Rueckkehr-nach-Damaskus/!6136221

[3] /Alltaeglicher-Rassismus/!6175636

[4] https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/themen/fluchtrouten

AUTOREN

Hussam Al Zaher

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