taz.de -- Proteste in Georgien: Die Wände sprechen Bände

An vielen Fassaden der georgischen Hauptstadt Tbilissi finden sich regierungskritische Graffitis. Die Stadtreinigung entfernt sie, am nächsten Tag sind sie wieder da.

Bild: „Wir sind Europa!“ Georgiens Regierung sieht das anders

Während sich die Welt mittlerweile von der Fußballweltmeisterschaft erholt hat, werden in einer Unterführung im Zentrum der georgischen Hauptstadt Tbilissi ganz andere Spielstände notiert.

Nachts tauchen politische Parolen an den Wänden auf, morgens werden sie von städtischen Reinigungstrupps wieder überstrichen. Neben den Schriftzügen zählt jemand mit. In einer Unterführung an der Rustaweli-Allee unweit des Parlaments stand es vor Kurzem 62:61 für die Aktivist:innen. In einer anderen Unterführung, zwei Kilometer davon entfernt und nahe der Ilia State University, lautete das Ergebnis 11:10.

Dieser Wettkampf wirkt absurd. Tatsächlich erzählt er jedoch viel über den Zustand der georgischen Demokratie. Denn je stärker die Regierung gegen unabhängige Medien, Kritiker:innen und Protestbewegungen vorgeht, desto wichtiger werden die Wände der Stadt als Ort politischer Kommunikation.

Wer durch Tbilissi geht und sich die Wände ansieht, erfährt einiges über die politische Stimmung im Land. „Lang lebe das freie Georgien“, „Freiheit für politische Gefangene“, „Wem dient die Polizei?“, „F**k Russia“ oder „Probleme verschwinden nicht, wenn man die Parolen löscht“, ist da zu lesen.

Der Feind im Straßenbild

In Georgien, das vor noch nicht allzu langer Zeit als Vorbild für eine rasante Modernisierung und erfolgreiche demokratische Reformen in der postsowjetischen Region galt, vollzieht sich ein dramatischer Kurswechsel. Auch Straßengraffitis sind ein Spiegel von Veränderungen.

Viele Wandinschriften richten sich gegen Russland. Seit Beginn von Moskaus Vollinvasion in der Ukraine am 22. Februar 2022 leben Zehntausende russische Kriegsgegner:innen in Georgien. Die Spannungen zwischen den Neuankömmlingen und Teilen der georgischen Gesellschaft spiegeln sich ebenfalls im Straßenbild wider.

„Liebe russischsprachige Menschen: Hören Sie auf zu lärmen, sprechen Sie leiser. Der einzige Ort, an dem wir euren Lärm begrüßen, ist euer eigenes Land. Dort könnt ihr lautstark gegen euer blutiges Imperium protestieren!“ Dieser Text in einer der alten, historischen Straßen nahe der Seilbahnstation erinnert täglich Tausende an die Traumata des russischen Imperialismus.

An derselben Wand sind Konterfeis georgischer Soldaten zu sehen. Einer von ihnen, Giorgi Antsukhelidze, fiel 2008 im georgisch-russischen Krieg. Ein anderer, Kakha Tilidze, wurde 2025 bei einem Drohnenangriff russischer Besatzungstruppen in der Ukraine nahe der Stadt Saporischschja getötet.

Erinnerung an 1989

Eine weitere Inschrift erinnert an das Datum des Einmarsches russischer Truppen in Georgien und Litauen vor dem Ende der Sowjetunion: „Der Preis der Freiheit – 13. 1. 91 Vilnius, 9. 4. 89 Tbilissi. Niemals vergessen, niemals kapitulieren.“

„Am 13. oder 14. April 1989 habe ich zum ersten Mal ‚Idi na chuj‘ (Scher dich zum Teufel) auf einen russischen Panzer gesprüht“, erinnert sich der 47-jährige Aktivist Dato Tatishvili. Er war damals zehn Jahre alt.

Wenige Tage zuvor, am 9. April, hatten sowjetische Truppen eine friedliche Demonstration in Tbilissi blutig niedergeschlagen. 21 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. „Der Protest war groß, die Wut auch. Ich kannte mindestens 100 gleichaltrige Kinder, die bereit waren, das Gleiche zu tun.“

Gemeinsam mit anderen Aktivist:innen malt er bis heute Porträts von Menschen, die in den Kriegen gegen Russland – auch in der Ukraine – ums Leben gekommen sind. Viele dieser Porträts wurden übermalt oder entfernt. Für Tatishvili ist das Teil eines umfassenden Versuchs, Erinnerung und Geschichte neu zu schreiben. „Damals ging es gegen die Sowjetunion. Heute geht es darum, dass diese Geschichten nicht vergessen werden und die Unabhängigkeit Georgiens geschützt wird“, sagt er.

Wie sieht Zensur aus?

[1][Die Wände erzählen nicht nur von Russland. Immer häufiger richten sich die Botschaften auch gegen die georgische Regierung]. Mit jeder neuen Protestwelle werden die Texte politischer und ihre Lebensdauer kürzer.

„Die Generation, die jetzt kämpft, wird noch erleben, wie das russische Imperium zerfällt!“ Dieser Slogan tauchte im Frühjahr 2024 auf dem Freiheitsplatz auf, als im Parlament über das sogenannte „russische“ Gesetz gegen ausländische Agenten diskutiert wurde. Damals stand an der Parlamentsfassade in großen Lettern geschrieben: „Dies ist unser Land!“

Alle diese Texte sind schon lange gelöscht, doch für so manche Aktivit:innen hatte und hat diese Form des Protests einen hohen Preis. [2][Elene Khoshtaria, Gründerin der Oppositionspartei Droa, wurde nach einer Protestaktion vor den Kommunalwahlen 2025 zu einer Haftstrafe verurteilt].

Ihr Vergehen: Sie hatte das Wahlkampfbüro eines Kandidaten der Regierungspartei Georgischer Traum mit der Aufschrift „Russischer Traum“ markiert. Menschenrechtsorganisationen führen Khoshtaria als politische Gefangene. Deren Anwälte warnen vor schweren gesundheitlichen Folgen für ihre inhaftierte Mandantin.

Schwarze Flecken

Heutzutage hat die Zensur in Tbilissi die Form schwarzer Flecken. Hauswände, Bushaltestellen, Bauzäune – alles wird mit schwarzer Farbe überstrichen. Aus der Ferne sehen die Flächen leer aus. Wer näher an sie herantritt, erkennt oft noch die Umrisse der alten Botschaften. Vielleicht ist das der Grund, warum die Aktivist:innen weiterschreiben. Sie wissen, dass ihre Worte verschwinden werden. Aber sie wissen auch, dass dieses Verschwinden selbst zu einer Nachricht geworden ist.

„Diese Texte verschwinden nicht mehr. Sie werden fotografiert und finden ihren Platz im digitalen Archiv“, erklärt die Historikerin Keti Sartania. Seit fast zehn Jahren dokumentiert sie diese urbanen Botschaften auf ihren Social-Media-Kanälen unter dem Namen „Street Sentiments“.

Ihr fällt auf, dass persönliche Liebesdramen auf Georgisch zunehmend harten politischen Statements weichen – meist auf Englisch verfasst. Viele junge Menschen schreiben inzwischen in dieser Sprache. Ihr Protest richtet sich nicht mehr nur an die eigene Gesellschaft, sondern auch an die internationale Öffentlichkeit. Die Wände mögen schon morgen wieder schwarz überstrichen sein. Doch im Netz bleiben die Botschaften sichtbar. Die Liste mit den Spielständen wird weitergeführt.

3 Aug 2026

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AUTOREN

Nastasia Arabuli

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