taz.de -- Konzertempfehlungen für Berlin: Der Gesang der Federn

Diese Woche wird es erfinderisch mit dem Yaybahar und geht ritualistisch durch die Nacht mit Gnawa. Und eine neue Reihe mit Musikerinnen feiert Einstand.

Bild: Sieht ziemlich abgefahren aus, klingt elektronisch, ist aber rein akustisch: das Yaybahar von Görkem Şen

Wenn man sich zu lange mit Musik beschäftigt, stellt sich manchmal ein bisschen Überdruss ein, sobald der Eindruck entsteht, dass die neuen Dinge, die einem begegnen, schon sattsam bekannt und wenig überraschend sind. Manchmal gibt es dann aber umso mehr Grund für handfestes Augen- und Ohrenreiben, wenn da etwas wirklich Neues um die Ecke kommt. Görkem Şens Yaybahar zum Beispiel. Das von dem Musiker, Instrumentenerfinder und Klangforscher über ein Jahrzehnt hinweg entwickelte Ding ist Saiten- und Schlaginstrument in einem. Vor allem jedoch erzeugt es Soundscapes, wie man sie von elektronischen Effekt- und Hallgeräten gewohnt ist.

Bei Şen ist alles handgemacht. Insbesondere durch den Einsatz von Federn kann das Yaybahar auf sehr fremdartige Weise vertraut klingen, ergänzt um Melodietöne, die schon eher an bekannte Lautenspielarten denken lassen. In dieser Kombination hat Şen wirklich etwas ziemlich Einzigartiges geschaffen. Am Freitag kann man in der Galiläakirche herausfinden, wie sich das Yaybahar in einem abendfüllenden Konzertprogramm so schlägt (Galiläakirche, 17. 7., 20 Uhr).

Wenn man danach noch nicht genug für den Tag erlebt haben sollte, lässt sich gleich die ganze Nacht dazunehmen. Im SAVVY Contemporary nämlich gibt es zum Abschluss des vom HKW veranstalteten Sonic Pluriverse Festivals eine Lila, ein Gnawa-Ritual zu erleben, ob bei Bewusstsein oder auch im Schlaf: Von Sonnenuntergang (23 Uhr) bis Sonnenaufgang (5 Uhr) geht die Veranstaltung.

Der Gimbri-Spieler Maalem Mustapha Sam aus Marrakesch spielt dazu mit seinen Musikern, die mit den eisernen Gefäßklappern Qaraqib einen konstant klirrenden Rhythmus erzeugen, während Mqaddma Souad als Chefin der Zeremonie deren Ablauf gestaltet. Ein wenig Kontinuität mit dem Yaybahar-Konzert gibt es übrigens ebenfalls: Auch die Gimbri ist sowohl Saiten- als auch Schlaginstrument (SAVVY Contemporary, 17. 7., 23–5 Uhr).

Zum Schluss ein Beginn: In der Neuen Zukunft startet am Sonnabend eine neue Konzertreihe namens „Femme royale“. Die von der Musikerin Edita Karkoschka kuratierte Reihe feiert die „Schönheit des Unvereinbaren“. Zum Auftakt präsentiert Karkoschka selbst den ungebügelten Pop ihres Soloprojekts Koschka.

Dem stellt Karkoschka den affirmativ kratzbürstigen Pop von Tell A Vision vor, bei dem der Blick in Richtung Zukunft schon im Bandnamen steckt, mag die selbstgewählte Genrebezeichnung noch so sehr „Post Pop“ lauten. Auch dies ein Soloprojekt, in diesem Fall von Fee K., die Indie-Rock und Elektropop mit großem Interesse an Klanginnovationen kombiniert. Stimmen und Instrumente unterzieht sie teils größerer, teils behutsamer Bearbeitung. Langweilig wird es dabei nicht. Vielmehr rockt es, um eine etwas altertümliche Sprache zu verwenden, auf coole Weise uncool (Neue Zukunft, 18. 7., 20 Uhr).

16 Jul 2026

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Tim Caspar Boehme

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