taz.de -- Performance über Erschöpfung: Er kriegt den Klumpen nicht von der Bühne

In Sebastian Zubers Performance „Honeymoon“ wird Ton zum Symbol für psychische und physische Belastungen. Zu sehen war sie beim Berliner Festival b12.

Bild: Zähe Angelegenheit: In seiner Performance „Honeymoon“ kämpft Sebastian Zuber gegen einen Klumpen Ton

Ein Haufen Ton als Hauptakteur, der in der Mitte der Bühne thront und nicht wegzubewegen ist, egal mit welcher Kraft und mit wie vielen Tritten. Der Ton als Symbol für das Gewicht der Welt, das manchmal auf den eigenen Schultern zu lasten scheint und nicht aufstehen lässt, nach unten zieht und festhält. Und wie schwer es ist, sich von dieser Last zu befreien, zeigt metaphorisch gelungen ein Kampf zwischen Ton und Tänzer.

Bestimmt eine halbe Stunde darf das Publikum dabei zusehen – und mitleiden –, wie Sebastian Zuber mit allen Mitteln seines Körpers versucht, die gewaltige Masse, unter der er zunächst begraben war, von der Bühne zu kriegen. Es scheint wie ein aussichtsloses Anrennen gegen die eigenen Dämonen.

In seinem ersten Solo „Honeymoon“ beschäftigt sich der Schweizer Choreograf mit den körperlichen wie psychischen Konsequenzen von Long Covid, [1][Burn-out und atypischer Depression]. Nachdem die Premiere letztes Jahr leider abgesagt werden musste, kann die Performance bei der diesjährigen Ausgabe vom b12-Festival im Dock 11 endlich nachgeholt werden. Es ist eine emotionale Tour de force, die versucht, die Hochs und Tiefs dieser psychischen Zustände darzustellen.

Zwischen absoluter Erschöpfung, begleitet von einem tinnitusartigen Fiepen, und totaler Ekstase zu treibendem Technowummern und „I’m Still Standing“ stellt die Arbeit die vor allem auch körperlichen Extremzustände von hochfunktionaler Depression dar. Eingeschlossen von einem hellen Schleier kämpft Zuber zunächst gegen das Gewicht des Tons, um dann, bis auf die Füße befreit, wie elektrisiert den oberen freien Teil seines Körpers hin und her zu werfen, auf den Boden sinken zu lassen, um sofort wieder hochzuschnellen.

Mit der Verankerung im Boden erinnert dies bewegungstechnisch an eines dieser aufblasbaren Figuren mit schlackernden Armen, die man vor Imbissen oder Tankstellen sieht. Das ist jedoch keinesfalls albern, sondern höchst beeindruckend und mitreißend. Einer der stärksten Momente der Performance.

Schon das Zuschauen erschöpft

Immer wieder untermalen schnell wechselnde Videoprojektionen die Bewegungen des Tänzers, verdeutlichen damit noch mal mehr das, was von außen vielleicht nicht sichtbar ist. Eine völlige Überreizung von Einflüssen, visuell wie auch akustisch. Und auch wenn „Honeymoon“ recht schwere Kost ist und schon allein das Zuschauen erschöpft, gibt es immer wieder heitere Momente, die der Arbeit ein wenig Intensität nehmen. So sind Zubers Versuche, den Brocken Ton vom Boden abzukratzen, zwischendrin so absurd und aussichtslos, dass das Publikum nur noch lachen kann.

„Honeymoon“ ist jedoch nicht nur ein Stück über Depression und Erschöpfung, sondern gleichzeitig auch über [2][Resilienz]. Darüber, wie kostbar ein gesunder Körper ist, der all diese Lasten mitträgt und weitermacht. Es ist ein enorm körperliches Stück, das so auch die enge Verknüpfung von mentaler und physischer Gesundheit thematisiert.

An einigen Stellen sind die Metaphern etwas zu offensichtlich, und der kurze Monolog Zubers über die eigenen Symptome erklärt etwas, das bis dahin deutlich genug geworden ist. Insgesamt ist „Honeymoon“ aber eine wichtige und vor allem mutige Arbeit, die sich mit einem Thema beschäftigt, das gerade im Tanz- und Kulturbereich äußerst relevant ist.

12 Jul 2026

[1] /Taiyo-Matsumoto-und-Ville-Ranta/!6089033

[2] /Philosophin-ueber-Verletzlichkeit/!6167910

AUTOREN

Greta Haberer

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Kultur in Berlin

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