taz.de -- Linke zu Rentenplänen: „Die Leute arbeiten jetzt schon zu lange“
Die von der Regierung geplante Ausweitung der Arbeitszeit ist unanständig, findet Sarah Vollath, die rentenpolitische Sprecherin der Linksfraktion.
Bild: Rentner:innen heute: Arbeiten bis zum Umfallen
taz: Frau Vollath, bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Das [1][Ergebnis der Rentenkommission] ist …
Sarah Vollath: … unanständig.
taz: Bundesarbeitsministerin [2][Bärbel Bas (SPD)] spricht von einem „Gesamtkunstwerk“. Was genau stört Sie denn?Vollath: Die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte, die Anhebung der Altersgrenze und die Idee einer kapitalgedeckten Komponente in der gesetzlichen Rentenversicherung.
taz: Wenn Menschen nach 45 Beitragsjahren nicht mehr abschlagsfrei in Rente gehen dürfen – wen trifft das?
Vollath: Vor allem Menschen in Ausbildungsberufen, die früh angefangen haben zu arbeiten. Gerade Leute in handwerklichen Berufen oder in der Pflege, die körperlich schwer arbeiten. Die fangen mit 17 an und schuften 45 Jahre lang – ich finde, das muss reichen.
taz: Im Bericht der Rentenkommission steht, von der abschlagsfreien Rente profitieren vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer …
Vollath: Frauen haben öfter unterbrochene Erwerbsbiografien, das stimmt. Aber ich finde diese Argumentation trotzdem falsch. Die Bundesregierung und auch die Grünen haben offenbar kein Interesse daran, dass Menschen, die noch nicht krank sind oder umfallen, in Rente gehen. Wir haben eine grundlegend andere Einstellung. Wir wollen, dass Menschen, wenn sie in Rente gehen, noch einige schöne Jahre haben können, in denen sie gesund sind und noch was vom Leben haben.
taz: Sie haben Zahlen von der Bundesregierung abgefragt, aus denen hervorgeht, dass die durchschnittliche Rente von Frauen, die abschlagsfrei in Rente gehen, bei 1.469 Euro liegt, für Männer bei 1.846 Euro.
Vollath: Frauen sind damit im Schnitt 23 Euro über der Armutsgrenze. Bei Männern sind es immerhin 400 Euro mehr. Es geht hier um Menschen, die 45 Jahre lang harte Arbeit geleistet haben, und manche haben eine Rente unter dem Existenzminimum, es sind ja Durchschnittsangaben.
taz: Laut Rentenkommission soll das Renteneintrittsalter mit der steigenden Lebenserwartung verknüpft werden. Wie bewerten Sie das?
Vollath: Aus unserer Sicht arbeiten die Leute jetzt schon zu lange. Wer länger arbeiten will, kann das auch jetzt schon, das ist eine persönliche Entscheidung. Wir wissen: Ärmere Menschen sterben früher. Und wir leben in einer Gesellschaft, wo Arbeit auch krank macht. Jetzt sollen alle länger arbeiten? Das wird dazu führen, dass einige Menschen noch früher sterben und sich die bestehende Ungleichheit weiter verschärft.
taz: Aber es soll Härtefallregelungen geben und die Erwerbsminderungsrente soll überarbeitet werden.
Vollath: Das bedeutet wieder, dass Leute arbeiten müssen, bis sie krank sind. Dennoch wäre es gut, wenn der Zugang zur Erwerbsminderungsrente wesentlich einfacher wäre als bisher.
taz: Wäre es eine Lösung, wenn bestimmte Berufsgruppen früher in Rente gehen dürften?
Vollath: Wie soll man das genau kategorisieren? In Österreich gibt es bereits verschiedene Renteneintrittsalter je nach Branche – dort werden Kalorien gezählt, die Menschen während der Arbeit verbrauchen. Ein solches System wird neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Ich bin zum Beispiel Sozialarbeiterin und habe vorher in einer Einrichtung für Grundschulkinder gearbeitet. Ich hatte dauerhaft eine gesundheitsgefährdende Geräuschkulisse für acht Stunden am Tag. Das macht etwas mit Menschen, aber es führt nicht zu einem höheren Kalorienverbrauch.
taz: Was würde denn gegen zunehmende [3][Altersarmut] helfen?
Vollath: Wir brauchen eine solidarische Mindestrente. Aber dafür müssten alle in ein System einzahlen. Dann könnten wir die Beitragsbemessungsgrenze anheben und innerhalb der Rentenversicherung über Umverteilung sprechen.
23 Jun 2026
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AUTOREN
Jasmin Kalarickal
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