taz.de -- Vorschlag der Rentenkommission: Höhere Beiträge, länger malochen

Fünfeinhalb Monate hat die Rentenkommission verhandelt. Nun liegt ein Vorschlag auf dem Tisch. Er sieht höhere Beiträge vor und anderes Ungemach.

Bild: Von wegen Rente – jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Das Renteneintrittsalter soll schrittweise auf 70 angehoben werden

dpa/taz | Mit höheren Beiträgen, mehr Einzahlenden und steigendem Rentenalter sollen künftig höhere Renten als nach geltendem Recht möglich werden. Das sehen nach Informationen aus der Rentenkommission die 30 Vorschläge vor, die das Gremium nach fünfeinhalb Monaten Beratungszeit am Dienstag an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) übergeben will.

Die Kommission im Auftrag der Regierung unter der Verwaltungswissenschaftlerin Constanze Janda und dem Ex-Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, tagte rund 150 Stunden, wie es in den Kreisen laut dpa-Informationen hieß.

Geherrscht habe ein breiter Konsens über die Ergebnisse. Das hatte die Koalition erhofft, damit die Umsetzungschancen höher sind. An diesem Montag will das Gremium abschließend tagen. Laut Auftrag soll in Zukunft die Sicherung des Lebensstandards im Alter gerade für kleinere und mittlere Einkommen durch gesetzliche, betriebliche und private Vorsorge möglich sein.

Steigendes Rentenalter

Das Rentenalter soll mit der Lebenserwartung steigen. Das würde den Berechnungen der Kommission nach bedeuten, dass Beschäftige 2041 erst mit 67,5 Jahren und 2051 mit 68 in Rente gehen könnten. Die Berechnung soll regelmäßig überprüft werden. Wegfallen soll den Empfehlungen zufolge [2][der frühere Renteneintritt ohne Abschläge nach 45 Beitragsjahren], bekannt als „Rente mit 63“. Allerdings soll es eine neue Regelung für Menschen nach belastenden Arbeitsbiografien in rentennahen Jahrgängen geben.

Die Linke-Rentenexpertin, Sarah Vollath, kritisierte in der Rheinischen Post: „Schon heute [3][schaffen es viele Menschen nicht], bis 67 zu arbeiten. Jetzt will die Rentenkommission das Arbeitsleben noch weiter verlängern.“

Künftig soll laut dem Vorschlag darüber hinaus ein Teil der Rentenbeiträge am Aktienmarkt angelegt werden. In diese beitragsfinanzierte Kapitalsäule sollen später 2 Prozent vom Bruttolohn fließen, aufwachsend von anfangs 0,5 Prozent. Davon soll je die Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern kommen.

Mit den Erträgen soll das Rentenniveau längerfristig stabilisiert werden. Bewirkt werden sollen höhere Renten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von heute, die ab 2040 in Rente gehen. Diese individuell ausgezahlte [4][kapitalgedeckte Zusatzrente] nach schwedischem Modell soll von einem Staatsfonds verwaltet werden und verpflichtend sein. Bis sie wirkt, soll es einen steuerfinanzierten sogenannten Übergangsfaktor geben, um das Absicherungsniveau der Rente übergangsweise zumindest zu stützen.

Nachhaltigkeitsfaktor und höhere Beiträge

Die erste schwarz-rote Rentenreform – mit Mütterrente und der Sicherung des Rentenniveaus bis 2031 – wird trotz Skepsis nicht zur Disposition gestellt. Dann dürfte das Rentenniveau erst einmal sinken. Der derzeit ausgesetzte „Nachhaltigkeitsfaktor“ soll 2032 wieder greifen. Die jährliche Rentensteigerung wird damit wieder an die Zahl der Beitragszahler angepasst. Renten und Beitragssteigerungen fallen geringer aus. Die Kommission will sogar, dass der Faktor steigt, seine Wirkung also verschärft werden.

Dann soll die Kapital-Zusatzrente greifen und das Absicherungsniveau der Rente wieder stabilisieren. Langfristig soll es für Neurentner wieder ein Rentenniveau von 48 Prozent und ab 2040 sogar von 50 Prozent gelten, wenn Umlage- und Kapitalsäule zusammen betrachtet werden.

An der bisherigen Prognose, dass der Beitragssatz 2028 von heute 18,6 sprunghaft auf 19,9 Prozent ansteigt, ändert sich den Informationen nach nichts. Die Pflichtbeiträge für eine Kapitalsäule kämen demnach dazu.

Politiker in die Rentenkasse, Minijobber auch

Auch mehr Einzahlende sollen die Rentenkasse stützen. Künftig sollen laut Kommission auch Politikerinnen und Politiker in die Rentenkasse einzahlen müssen. Das wären zum Beispiel Abgeordnete aus dem Bundestag und den Landtagen. Eingeführt werden soll nach jahrelangen Ankündigungen auch die Einbindung der Selbstständigen in die gesetzliche Rente, wenn nicht schon etwa berufsständisch abgesichert.

Das Idealbild soll eine Erwerbstätigenversicherung sein, wie es hieß. Eine Einbeziehung der Beamtinnen und Beamten in die gesetzliche Rente soll es so bald nicht geben, aber Schritte dorthin. Das Pensionsniveau soll abgeschmolzen werden. Rückstellungen zum Beispiel der Länder für die Pensionen sollen verpflichtend und Verbeamtungen weniger zahlreich werden.

Nach dpa-Informationen sollen beitragsfreie Minijobs nur noch für Schüler möglich sein. Das soll einen Anreiz bieten, die wöchentliche Arbeitszeit zu erhöhen. Gegen wachsende Altersarmut sollen Betroffene laut Kommission die Grundsicherung im Alter stärker in Anspruch nehmen, dafür unterstützt das Gremium bereits vorgelegte Vorschläge einer anderen Regierungskommission für Sozialstaatsreformen.

Reformpaket nimmt Kontur an

Die Rentenreform soll Teil eines noch weitreichenderen Reformpakets werden. Bundeskanzler Merz hatte vor einigen Tagen gesagt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir da gute Vorschläge bekommen.“ Die Botschaft sei: „Wir wollen unser Land so reformieren, dass auch nachfolgende Generationen, junge Generationen, die Chance haben, in Freiheit zu leben, im Frieden zu leben und im Wohlstand zu leben.“

Kommen sollen auch Entlastungen bei der Einkommensteuer für viele Steuerzahler, Impulse für den Arbeitsmarkt und umfassende Entbürokratisierung. So wollen Union und SPD kräftige Wachstumssignale für Wirtschaft und Bevölkerung senden – während sie selbst mit einem Ansehensverlust und schlechten Umfragen zu kämpfen haben.

21 Jun 2026

[2] /Rente-mit-63-auf-der-Sparliste/!6184061

[3] /Hoeheres-Rentenalter/!6175381

[4] /Neue-Altersvorsorge-und-Kapitalmarkt/!6161740

TAGS

Rente

Bärbel Bas

Bundesregierung

Minijob

Altersvorsorge

Altersarmut

ARTIKEL ZUM THEMA

Diskussion um Rentenreform: Merz und Bas wollen Reform komplett umsetzen

Der Bundeskanzler pocht auf die zügige und komplette Umsetzung der vorgeschlagenen Rentenreform. Auch die Arbeitsministerin ist gegen „Rosinenpicken“.

Vorschläge zur Rentenreform: Rentenkommission will Minijobber feuern

Die Rentenkommission der Regierung will Minijobs streichen. Gewerkschaften und Mitte-Links-Parteien fordern das schon länger. Es gibt aber Fallstricke.

Diskussion über Rentenreform: Jusos wollen nicht, dass Ar­bei­te­r*in­nen länger arbeiten

Die Rentenkommission der Regierung will das Renteneintrittsalter erhöhen. Die SPD-Jugend kritisiert: Die Altersgrenze pauschal anzuheben, sei ungerecht.

Finanzierung der Rente: Ist die Rente in der Krise? Von wegen, deutet diese Studie an

In wenigen Tagen stellt die Rentenkommission ihre Ergebnisse vor. Eine Studie widerspricht nun der Behauptung, die Rente sei nicht finanzierbar.

Zukunft der Altersvorsorge: Bas will Beamte zur Rentenkasse bitten

In Kürze stellt die Rentenkommission ihr Ergebnis vor. Arbeitsministerin Bas will Beamte einbeziehen. Die JU will die Bafögreform zulasten von Rent­ne­r*in­nen retten.

Rente mit 63 auf der Sparliste: Nicht alle können länger ackern

Eine Abschaffung der Rente mit 63 würde Milliarden Euro sparen, sagt eine Studie. Der Schritt würde aber auch eine hässliche Umverteilung erzeugen.

Proxied content from gemini://taz.de/%216189344 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216189344
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.