taz.de -- Der „Rubber Hose Mascots“-Trend: Als die Dosen laufen lernten

Sie sind cute, retro und es werden immer mehr: Unser Kolumnist begegnet ständig laufenden Lebensmitteln im Retro-Cartoonstil. Wo kommen die bloß her?

Bild: Zwei Beine, zwei Arme und ein Gesicht, so einfach geht Character Design

Es gibt so Dinge, die verfolgen einen. Und in meinem Fall können sie das auch besonders gut, weil sie zwei Beine haben. Es handelt sich um Pommestüten. Um Bierflaschen. Um Kaffeetassen, Blumen, Flammen, Golfbälle und vieles mehr, mit dünnen Armen, weißen Handschuhen und fröhlichem Gesicht. Seit Jahren begegne ich ihnen – mit steigender Frequenz– und jedes Mal frage ich mich, wo diese putzigen Wesen eigentlich herkommen.

Neulich habe ich endlich mal nachgeforscht. Wobei mir eine KI helfen musste, meiner schwammigen Umschreibung „laufende, winkende Dinge im 20er-Cartoon-Style“ einen Begriff zu geben. Der ist zwar nicht offiziell, aber mit „Rubber Hose Mascots“ lässt sich arbeiten. „Rubber hose“, also Gummischlauch, war in den 1920ern und -30ern [1][der dominante Zeichentrickstil], man denke an die frühe Micky Maus. Die Figuren damals hatten keine Gelenke, sondern Gliedmaßen, die eben wie Gummischläuche aussahen und sich auch so verhielten. Das war einfacher zu animieren und sorgte für diverse surreale und komische Elemente.

Rubber Hose Mascots brachte mich auch zu [2][einem Artikel] im Guardian, der auf einen möglichen Beginn des Trends verweist: „Yard Sale Pizza“, ein Restaurant aus dem hippen Londoner Stadtteil Hackney, machte 2014 mit einem Pizzastück auf zwei Beinen Werbung. Denn das war das Milieu, in dem der Trend gedieh: das der urbanen Hipster, wo Sauerteigpizza, Specialty Coffee [3][und Naturweine] serviert werden.

Einen wichtigen Push gab dann 2017 [4][das Computerspiel „Cuphead“], das den Cartoonstil der 1930er akkurat simulierte. Auch die Bildsprache [5][des französischen Künstlers mcbess] wird als Einfluss genannt. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf – und es wurden immer mehr. Denn das „Warum?“ dieses Trends liegt auf der Hand. Die Figuren sind wirklich sehr cute. Sie haben Retro-Charme. Sie machen gute Laune. Und sie wirken wunderbar handgemacht und individuell.

Der letzte Punkt ist allerdings nur schöner Schein. Kaum etwas lässt sich so leicht kopieren wie dieser sehr klare und reduzierte Grafikstil. Im Internet finden sich [6][ganze Sammlungen] vorgefertigter Hände, Schuhe, Augen und Münder, auch KI [7][hat hier extrem leichtes Spiel]. Mittlerweile gibt es Videos von Designern, die flehen, bitte keine Beine und Arme mehr an Dinge zu schrauben. Individuell ist an den Rubber Hose Mascots nun wirklich gar nichts, und in Berlin sehe ich sie inzwischen auch an Burgerläden und Cafés, die kein bisschen Avantgarde sind (und dabei natürlich an der gläsernen Decke der Distinktion zerschellen).

So hübsch also jedes einzelne laufende Maskottchen auch sein mag – als stetig wachsende Toon-Armee marschieren sie bereits fröhlich grinsend in ihren eigenen Untergang. Direkt auf den Trendfriedhof.

31 May 2026

[1] https://www.youtube.com/watch?v=e0uU6S8nqGs

[2] https://www.theguardian.com/fashion/2026/mar/18/the-way-the-world-is-something-daft-is-appealing-why-everything-from-pizzas-to-podcasts-has-a-cartoon-character-on-it

[3] /Hype-um-Naturwein/!6033423

[4] https://www.youtube.com/watch?v=cweQzWtqjrQ

[5] https://mcbess.com/

[6] https://stock.adobe.com/de/search?k=rubber+hose+cartoon&asset_id=1910802841

[7] /Kuenstliche-Intelligenz/!6022546

AUTOREN

Michael Brake

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