taz.de -- Spielfilm „Wolves“: Schwarze Banner, lange Schatten
In Jonas Ulrichs Debütfilm „Wolves“ sucht eine Frau Halt in der Black-Metal-Subkultur. Dann gerät sie in den Sog rechter Radikalisierung.
Bild: Wiktor (Bartosz Bielenia), der Sänger der Band WLVS in „Wolves“
Kreischende Stimmen treffen auf schneidende Gitarren, verdichten sich mit peitschendem Schlagzeug zu rasenden Rhythmen und einem Sound, der sich jeder Harmonie verweigert: Im Black Metal geht es um misanthropische Weltabkehr, okkulte Symbolik und die Suche nach Transzendenz im Hässlichen.
Unter anderem natürlich, denn festlegen lässt sich das Subgenre, das in den 1980er Jahren in Skandinavien entstand und immer wieder mit destruktiven Ausbrüchen von sich reden macht, nur bedingt. [1][Jonas Åkerlunds biografischer Psychohorrorfilm „Lords of Chaos“ (2018)] erzählt etwa von Kirchenbränden in Norwegen und Gewalt, die schließlich bis zum Mord eskaliert.
Jonas Ulrich legt in seinem Spielfilmdebüt den Fokus auf eine andere problematische Facette der Szene, die Berührungspunkte zwischen Black Metal und rechtsextremen Ideologien. Die Ablehnung christlicher Ordnungsvorstellungen gehört zum Grundrauschen der Subkultur, die Faszination für nordische Mythologie wiederum quasi zum guten Ton.
Wie unscharf dabei bisweilen die Trennlinie zum völkischen Denken wird, erzählt „Wolves“ aus der Perspektive der Kindergärtnerin Luana (Selma Kopp), die sich zunächst vor allem von den brachialen Klangwelten und der düsteren Ästhetik der Szene angezogen fühlt.
Der Reiz des Unnahbaren
Viel erfährt das Publikum nicht über die Protagonistin, doch die Krebserkrankung des Vaters (Thomas Ott) und das lieblose Verhältnis zur Mutter (Judith Hofmann) reichen aus, um zu verstehen, weshalb sich die Anfang Zwanzigjährige zunehmend in die Bandproben ihres Cousins Dominik (Fabian Künzli) flüchtet.
Kontrollierter Krach als Gegenentwurf zur Kakophonie ihres Alltags ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass Luana sich bald der ersten Tour der titelgebenden „WLVS“ anschließen möchte. Offiziell will sie sich ein wenig um das Merchandise und die Social-Media-Präsenz der Band kümmern, tatsächlich aber gilt ihr Interesse dem neu zur Gruppe gestoßenen Frontmann Wiktor (Bartosz Bielenia).
Der polnische Sänger wirkt mit seiner schmalen, hochgewachsenen Statur beinahe asketisch, strahlt zugleich aber eine eigentümliche Dominanz aus. Wenn er spricht, dann meist auf Englisch – und selten anders als in knappen Anweisungen. Wahrscheinlich ist es das, was Luana an Wiktor fesselt: Auf demonstrative Distanz folgen kurze Momente konzentrierter Aufmerksamkeit, aus denen schleichend eine emotionale Hörigkeit erwächst.
Nähe als Einfallstor
Die nahezu dokumentarische Nüchternheit der Bilder von Kameramann Tobias Kubli trägt dazu bei, dass „Wolves“ in dieser Entwicklung eine beklemmende Dringlichkeit entfaltet – vor allem, nachdem Luana durch Kommentare in den sozialen Medien erfährt, dass Wiktors Brusttattoo die „Schwarze Sonne“ zeigt, ein zentrales Symbol der rechtsextremen Szene.
Wohl auch um die neu gewonnene Nähe zu ihm nicht wieder zu verlieren, verstrickt sich Luana daraufhin in Rechtfertigungen. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch gegenüber Dominik und anderen Bandmitgliedern, die sich mitunter entschieden von allem Faschistoiden distanzieren. Darin liegt eine der größten Stärken dieses Debüts: dass es [2][die Verführungsmechanismen sichtbar macht, ohne die Black-Metal-Szene dabei pauschal unter Generalverdacht zu stellen].
Insbesondere in seinen letzten Zügen, als Luana sich immer tiefer in den Sog der rechten Szene hineinziehen lässt, zehrt dieses ungewöhnliche Coming-of-Age-Drama von ebenso markanten wie glaubhaft verkörperten Nebenrollen (unter anderem Anna Sauter-McDowell). Auch Bartosz Bielenia, vor allem aus „Corpus Christi“ (2019) bekannt, überzeugt mit einer bis zuletzt aufrechterhaltenen Undurchschaubarkeit.
Dennoch bleibt am Ende der Eindruck, dass hier gerade dann noch mehr möglich gewesen wäre, hätte „Wolves“ seinen Figuren etwas stärker ins Innere blicken lassen und die psychologischen Verschiebungen greifbarer gemacht, aus denen Radikalisierung entsteht.
21 May 2026
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AUTOREN
Arabella Wintermayr
Spielfilm
Schweiz
Schwerpunkt Rechte Musik
Heavy Metal
GNS
Reden wir darüber
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