taz.de -- Beleidigung von Politikern: Eine Anzeige zu viel
Hässliche Tonarten sind schwer erträglich. Bei Anzeigen wegen Beleidigung, Hass und Hetze muss aber das richtige Maß erst noch gefunden werden.
Bild: „Merz leck Eier“: Steht auf dem Plakat eines Demonstranten am 1. Mai
Für viele Politiker ist das wohl mittlerweile zu einer Art Routine geworden: Die tägliche Dosis aus Beleidigungen, Hass und Hetze wird irgendwo in ihrem Mitarbeiterapparat aufgefangen, gesammelt und in Anzeigenformulare gegossen. Da kann man ja schon mal den Überblick verlieren, was man nun angezeigt hat und was nicht.
Das ist eben die Folge der monatelangen Debatten über die Verrohung des politischen Diskurses und die Angriffe auf Mandatsträger. Die hässlichen Tonarten, die sich – im Netz, aber nicht nur da – breitgemacht haben, werden ja auch von vielen Bürgern als schwer erträglich empfunden.
Da musste man doch was tun, oder nicht? Also [1][wurden Schwerpunktstaatsanwaltschaften geschaffen] und Gesetze verschärft. Und dann? Dann schlägt das Pendel halt zur anderen Seite aus.
Dann fallen plötzlich die Fälle auf, wo man übers Ziel hinausschießt. Wo Satire, Ironie oder Kunst nicht als solche erkannt werden. Wo Rentnern, die ihre schlechte Laune auf Facebook ventilieren, Gefährderansprachen gehalten werden. Wo [2][wegen eines bisschen Gepimmel gleich Hausdurchsuchungen angeordnet] werden – wie im Fall Andy Grote und [3][jetzt Boris Pistorius].
Haben deshalb jetzt diejenigen recht, die von Anfang an geunkt haben, hier werde die Majestätsbeleidigung durch die Hintertür wieder eingeführt und die Meinungsfreiheit abgeschafft? Aber was wäre denn die Alternative? Sich munter durchbeleidigen und bedrohen zu lassen, weil das eben zum Job gehört? Bis den dann keiner mehr machen will?
Vielleicht muss man schlicht und ergreifend erst einmal das richtige Maß finden. Auf Seiten der Anzeigenden, die nicht wahllos alles anzeigen sollten, sondern abwägen, was wirklich der Verfolgung wert ist. Und auf Seiten der Justiz, der Staatsanwälte und Richter, die zumindest bei so schwerwiegenden Eingriffen wie einer Hausdurchsuchung noch dreimal intensiv über das Wort „Verhältnismäßigkeit“ meditieren müssten.
3 May 2026
LINKS
[1] /Oberstaatsanwalt-ueber-Taeter-im-Netz/!5693402
[2] /Hausdurchsuchung-wegen-eines-Tweets/!5799732
[3] /Kunst-gegen-Boris-Pistorius/!6175015
AUTOREN
Nadine Conti
Osnabrück
Antimilitarismus
Boris Pistorius
Verteidigungsministerium
Meinungsfreiheit
Beleidigung
Social-Auswahl
Reden wir darüber
Mehrzweckeier
ARTIKEL ZUM THEMA
Ermittlungen gegen Hetze im Netz: Rotstift trifft Hass-Ermittler in Sachsen-Anhalt
Die Zahl der Verfahren wegen Hetze im Netz steigt. Doch im Ermittlerteam in Sachsen-Anhalt ist eine von zwei Schlüsselstellen seit Monaten unbesetzt.
Forderung der Justizministerkonferenz: Sonderschutz nur noch für Kommunalpolitiker:innen
Die Justizminister:innen der Länder wollen, dass die Beleidigung von Spitzenpolitiker:innen nicht mehr schwerer bestraft wird als die anderer Menschen.
Merz und Social Media: Vorsicht mit dem weichen Ei
Social Media ist fies! Besonders gegen Friedrich Merz. Der klagt: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Der alte Mann braucht Nachsicht.
Kunst gegen Boris Pistorius: Verwirrendes Lagebild
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat Osnabrücker Aktivist*innen doch wegen einer Aktion angezeigt. Sein Ministerium leugnete das erst.
CDU-Chef wehrt sich gegen Beschimpfungen: Merz will sich nicht „drecks Suffkopf“ nennen lassen
Laut Zeitungsbericht stellte Friedrich Merz als Fraktionschef hunderte Strafanzeigen wegen Beleidigung. In zwei Fällen folgten Hausdurchsuchungen.
Angriffe auf Politiker:innen: Bespuckt, beleidigt und angerempelt
Nach Angriffen auf Politiker:innen fordern FDP und Grüne mehr Polizeischutz im Wahlkampf. Derweil wurden weitere Details zum Fall Ecke bekannt.