taz.de -- Messe „Auto Beijing“: Chinas Autobranche gibt den Takt vor

Die weltweit größte Automesse in Peking zeigt die Dominanz chinesischer Marken. Doch auch eine deutsche Marke fällt auf – mit konsequenter Aufholjagd.

Bild: Extravagant: Elektroauto vom Typ Wuling Hongguang Mini EV auf der „Auto China 26“ in Peking

Als Volkswagen 1984 den chinesischen Markt betrat, wurde die Pionierarbeit mit einer historisch beispiellosen Erfolgsgeschichte belohnt: Die Wolfsburger Pkws dominierten die Straßen der Ostküstenmetropolen – von der Taxiflotte bis hin zu den schwarzen Audi-Limousinen der Parteikader.

Nun, über 40 Jahre später, steht VW CEO Oliver Blume bei der Auto China am Messestand des Autoherstellers Xpeng und lauscht, leicht nach vorn gebeugt, wie dessen 48-jähriger Gründer He Xiaopeng sein neustes Modell vorstellt – ein SUV, der völlig ohne menschliches Eingreifen fahren kann, fünfeinhalb Meter misst, über einen eingebauten Kühlschrank und eine Reichweite von bis zu 750 Kilometern verfügt. Und während Blume seinem chinesischen Kollegen lauscht, wird mehr als deutlich: Der einstige Meister ist mittlerweile wissbegieriger Schüler.

Auf der Auto China, die dieser Tage in Peking abgehalten wird, zeigen sich die Machtverschiebungen der Branche. Über 1.000 Hersteller stellen hier ihre Produktpalette auf rund 380.000 Quadratmetern aus. Und es gibt jede Menge Entertainment: Flugtaxis heben ab, Roboter legen Tanzeinlagen ein, inmitten der überfüllten Gänge tummeln sich Influencer:innen mit schrillem Make-up.

Besonders spektakulär: Der [1][Autoproduzent BYD aus Shenzhen] hat eine gesamte Ausstellungshalle für sich gemietet – und darin eine Kühlkammer aufgebaut, um staunenden Besuchern zu beweisen, dass die Akkus auch bei sibirischen Minusgraden noch in unter einer Viertelstunde vollständig aufgeladen werden. Der größte E-Auto-Bauer der Welt hat also geschafft, wovon selbst die kühnsten Optimisten vor wenigen Jahren nur vage zu träumen wagten: E-Autos brauchen an der Steckdose kaum länger als Verbrenner an der Zapfsäule.

VW setzt auf den chinesischen Markt

Doch die Regierung in Peking hat sich den Erfolg der heimischen Industrie teuer erkauft. Die Industriepolitik hatte einen brutalen Preiskampf zufolge, der selbst den Parteikadern längst zu weit geht. Massive Subventionen haben hunderte Start-ups angelockt, Lokalregierungen halten viele Marktteilnehmer künstlich am Leben. Das Resultat: Zwar produzieren dutzende Marken in China moderne E-Autos zu unschlagbaren Preisen, doch nur eine Hand voll von ihnen schreibt schwarze Zahlen.

Die deutschen Traditionskonzerne beharrten zunächst darauf, dass sie sich nicht auf den zerfleischenden Unterbietungswettbewerb einlassen würden – und sind mittlerweile eingeknickt. Doch der Kampf um die Marktführerschaft ist auch in China kein Sprint, sondern ein erschöpfender Marathonlauf. Und Volkswagen, BMW und Mercedes haben im Vergleich zu den chinesischen Wettbewerbern [2][dicke Finanzpolster, mit denen sie die Aufholjagd angehen können].

Volkswagen geht diesen Weg bislang am konsequentesten – und setzt radikal auf Lokalisierung. So kauften die Wolfsburger bereits im Sommer 2023 für rund 700 Millionen einen knapp fünfprozentigen Anteil beim E-Auto-Produzenten Xpeng. Hinzu kommt, dass das strategisch wichtigste Werk des Unternehmens – abseits der Zentrale in Wolfsburg – mittlerweile im zentralchinesischen Hefei steht: Hier werden ausschließlich E-Autos entwickelt und produziert – so schnell, effizient und modern wie in wohl keinem anderen VW-Standort.

Die Strategie könnte schon bald erste Früchte tragen. Doch sie ist umstritten, schließlich gräbt sich der Konzern immer tiefer in eine Abhängigkeit vom Reich der Mitte. VW hingegen ist der Auffassung, dass es schlicht keine Alternative gibt. Denn nur wer sich auf dem größten Automarkt der Welt behauptet, kann sich weiterhin ein globales Unternehmen nennen. Insgesamt hat BYD im letzten Jahr auf dem heimischen Markt fast 30-mal so viele Elektro- und Hybrid-Autos verkauft wie VW.

VW-Elektroauto für weniger als 12.500 Euro

Also gehen die Wolfsburger längst all-in, setzen voll auf den chinesischen Markt. Die [3][nächste große Wette ist der Jetta X], der erste Elektro-SUV der gleichnamigen Submarke des Unternehmens. Er ist ausgelegt auf den Kundengeschmack der Chinesen: riesige Displays, viel Infotainment, ein Wohnzimmer auf vier Rädern.

Für deutsche Verhältnisse ist vor allem der Preis revolutionär: Der Jetta X soll unter der 100.000-Yuan-Grenze landen, das wären weniger als 12.500 Euro. Europäische Kunden werden nicht in den Genuss des neuen Modells kommen, es ist ausschließlich dem chinesischen Markt vorbehalten.

29 Apr 2026

[1] /BYD-in-Brasilien/!6119075

[2] /Deutsche-Autokonzerne-BMW-kommt-besser-durch-die-Krise-woran-liegt-das/!6161971

[3] https://www.volkswagen-group.com/de/bilder/detail/das-jetta-x-konzeptfahrzeug-bild-1-87918

AUTOREN

Fabian Kretschmer

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