taz.de -- Komponist gastiert in Berlin: Sich an das Gute erinnern
Beverly Glenn-Copeland schrieb Musik für die Sesamstraße und veröffentlichte New Age. Im Zuge seiner Wiederentdeckung spielte er in der Berliner Volksbühne.
Bild: Beverly Glenn-Copeland, eine Wiederentdeckung des Guten
Beverly Glenn-Copeland schreibt seine Lieder nicht, sondern er empfängt sie. Klingt mühelos, kann aber manchmal ganz schön dauern. So wie im Fall des Songs „Prince Caspian’s Dream“. Einzelne Worte hatte der im kanadischen Ontario lebende Musiker immer wieder in seinem Kopf, doch nichts passierte. Nach Jahrzehnten des Wartens durchströmte ihn dann plötzlich das komplette Stück.
„Es hat dreißig Jahre gedauert, bis ich für dieses Lied bereit war“, erzählt Glenn-Copeland bei seinem Konzert in der Berliner Volksbühne am Montag. Universal Broadcast System nennt der praktizierende Buddhist diese Energie, die größer sei als er.
Beverly Glenn-Copeland reist gerade durch Europa. Sein Konzert in Berlin ist der einzige Halt in Deutschland. Geboren 1944 in Philadelphia in einen musikalischen Haushalt, ging Glenn-Copeland 1961 zum Musikstudium nach Montreal, wo er Oboe und klassischen Gesang lernte. Sein Stimmumfang umfasste drei Oktaven.
Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte er zwei Platten zwischen Jazz und Folk. Er schrieb Beiträge fürs Kinderfernsehen, unter anderem für die Sesamstraße. 1986 nahm er das Album „Keyboard Fantasies“ mit Synthesizern und Schlagzeugcomputer auf. New-Age-Klänge verbindet Glenn-Copeland darin mit Jazzelementen. Das Werk wurde auf Kassette in geringer Auflage verkauft. Es hätte die letzte Platte von Glenn-Copeland sein können.
Verehrt von jüngeren Musiker*innen
Doch 2015 interessierte sich ein japanischer Plattenhändler für die Aufnahme und kontaktierte den Musiker, der inzwischen einen geschlechtlichen Transitionsprozess durchlaufen hat. Von da an ging es schnell: Neuauflage von „Keyboard Fantasies“. Zahlreiche [1][jüngere Musiker*innen von Robyn] über [2][Blood Orange] bis Moor Mother und [3][Caribou] nennen Glenn-Copeland einen wichtigen Bezugspunkt. Platten mit neuer Musik folgen.
Dann ein Schicksalsschlag: 2024 wird bei Glenn-Copeland eine Demenzkrankheit diagnostiziert. Doch anstatt ruhig zu Hause zu sitzen, beschloss er, lieber weiter Musik zu machen und auf Tour zu gehen. In diesem Frühjahr erschien das neue Album „Laughter in Summer“, das Glenn-Copeland mit seiner langjährigen Partnerin Elizabeth Glenn-Copeland verfasst hat.
Bei seinem Auftritt in Berlin steht diese Platte jedoch nicht im Vordergrund, denn Glenn-Copeland ist schon längst weiter. Begleitet von seinem langjährigen musikalischen Weggefährten, dem Pianisten Alex Samaras, und Naomi McCarroll-Butler an der Bassklarinette spielt das Trio viele neue Stücke aus einer kommenden Platte. Die Lieder gehören zum Zyklus „Songs With No Words“ mit Instrumentalstücken, in denen Glenn-Copeland die Melodien ohne Text vorträgt. Die Idee dahinter: Die Menschen zum Mitsingen animieren.
Das klappt auch live. Sehr schnell durchbrechen die Musiker*innen auf der Bühne die vierte Wand. Das Publikum übernimmt die Rolle des Chors, der immer wieder begeistert mitsingt. Dem Alter entsprechend ist Glenn-Copelands Stimme brüchig, hat aber immer noch Kraft und reißt mit. Er strahlt voller kindlicher Albernheit und beharrlicher Altersweisheit. Der Höhepunkt ist „Stand Anthem“, eine Hymne des Handelns und der Zuversicht, an dessen Ende der Saal vollständig aufgestanden ist.
Der Abend in der Volksbühne hat eines gezeigt: Beverly Glenn-Copeland empfängt nicht nur, sondern er sendet auch aus. Positiv denken, sich an das Gute erinnern, zusammenkommen, miteinander lachen und zwischenmenschliche Wärme spüren, lauten seine Botschaften. Einfache Grundsätze sicherlich, aber in Zeiten globaler Krisen und Unsicherheiten, was die Zukunft bringen wird, geben sie Halt, Hoffnung und Momente der Verbundenheit.
14 Apr 2026
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AUTOREN
Sven Beckstette
Pop
Konzert
Berliner Volksbühne
Komponist
GNS
Reden wir darüber
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