taz.de -- Neuer Roman „GPS“: Lost in Google Maps

Im Thriller „GPS“ verschwindet auf rätselhafte Weise eine Freundin. Autorin Lucie Rico nutzt eine seltene Erzählweise und vermischt Reales und Irreales.

Bild: Bin ich hier richtig? Google Maps Ansicht auf einem Tablet

Was ist hier real und was nicht? Bereits die Erzählhaltung deutet die dissoziative Neigung der Hauptfigur an: Erzählt wird in der seltenen Du-Form, und das so dicht an der Perspektive der Protagonistin, dass diese zweite Person Singular anmutet wie eine Ich-Erzählung. Diese so eigentümlich adressierte Hauptfigur ist eine arbeitslose junge Journalistin, deren Namen – Ariane – wir erst nach drei Vierteln des Romans erfahren.

Geplagt von Angstzuständen, traut sie sich kaum noch aus dem Haus, geht aber ausnahmsweise doch zur Verlobungsparty ihrer besten Freundin Sandrine. Damit Ariane trotz ihres schlechten Orientierungssinns den Weg findet, hat Sandrine ihren Standort mit ihr geteilt.

Dieser rote Punkt auf Google Maps – oder auf dem GPS, wie Ariane sagt – bewegt sich auch dann noch auf ihrem Handybildschirm durch die Landschaft, als Sandrine schon lange als vermisst gilt. Sie ist von ihrer eigenen Verlobungsparty verschwunden.

Ariane verdächtigt zunächst Sandrines Verlobten, die Freundin umgebracht zu haben, verwirft diesen Verdacht aber, als der verzweifelte Mann direkt vor ihr sitzt und sich gleichzeitig immer noch der rote Punkt auf ihrem Bildschirm bewegt. Das muss ja bedeuten, dass Sandrine lebt! Und sie führt Ariane auf der virtuellen Landkarte an viele Orte, die von Bedeutung für die gemeinsame Vergangenheit der Freundinnen sind.

Die Realität verliert sich in der Virtualität

Das Verfolgen des Punkts wird für Ariane zur Besessenheit. Ihre Liebesbeziehung zum Feuerwehrmann Antoine betreibt sie nur noch routinemäßig, und auch die Arbeitssuche verliert an Dringlichkeit. Doch der Punkt zeigt ihr sogar Räume an, zu denen Google Street View gar keinen Zugang hat; und zwischendurch fällt ihr auf, dass die virtuelle Sandrine sich manchmal in einer Geschwindigkeit bewegt, die aller physikalischen Logik nach keine reale Entsprechung haben dürfte. Wie kann das sein?

„GPS“ ist über weite Strecken eine Art Psychothriller – vor allem insofern, als das beständige, unklare Changieren zwischen Realität, Virtualität und Irrealität für konstante Spannung sorgt. Für einen Genreroman fehlt nur eine gewisse Zielgerichtetheit der Handlung in Richtung auf eine Auflösung oder einen actiongetriebenen Höhepunkt.

Als sich irgendwann tatsächlich aufklärt, was mit Sandrine geschehen ist, kommt dieser Moment der Erkenntnis eher nebenbei – ganz im Einklang mit der seltsamen mentalen Verfasstheit der Protagonistin, die irgendwann zwar wieder Arbeit gefunden hat, aber nicht mehr zu echter journalistischer Tätigkeit in der Lage ist, sondern für ein Lokalblatt reißerische Artikel verfasst, deren Inhalt sie, von Bildern auf Google Street View inspiriert, frei erfunden hat.

Familiendrama offenbart sich

Das alles ist fesselnd erzählt, und doch fehlt dieser experimentellen kleinen Geschichte gewissermaßen ein stabilisierendes Rückgrat, denn über die persönliche Vorgeschichte dieser einigermaßen durchgeknallten Du-Erzählerin erfahren wir fast nichts – im Gegensatz zur verschwundenen Sandrine, deren Familiendrama im Laufe der Erzählung offenbart wird.

Somit bleibt das eigentliche Rätsel am Ende, wie und warum die Hauptfigur jemals in den extremen psychischen Ausnahmezustand geraten konnte, der ja immerhin die Erzählbasis des Romans bildet.

17 Apr 2026

AUTOREN

Katharina Granzin

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