taz.de -- Thriller „Das Beste sind die Augen“: Deine blauen Augen machen mich so hungrig
Eine junge Frau zeigt in Monika Kims Thriller zunächst kleine Obsessionen. Surrealistische Splatterfantasien werden jedoch narrative Wirklichkeit.
Bild: „Fischaugen essen“ ist eklig aber notwendig, besagt ein koreanischer Aberglaube
Die Kultur aus der Heimat der Vorfahren zu pflegen ist im Prinzip eine schöne Sache, das gilt fürs Kulinarische ebenso wie im Storytelling. Fischaugen zu essen und „anderen koreanischen Aberglauben“ habe sie von ihrer aus Korea in die USA eingewanderten Mutter gelernt, lässt die Autorin Monika Kim über sich wissen. Tatsächlich steht am Beginn ihres ersten Romans eine Szene praktizierten kulinarischen Aberglaubens.
Vom Vater ihrer beiden Töchter verlassen, beginnt eine Frau regelmäßig Fischaugen zu verzehren, in der Hoffnung, den Gatten auf magische Weise zur Rückkehr bewegen zu können. Ihre ältere Tochter, die 18-jährige Ich-Erzählerin Ji-won, bezwingt ihren Ekel und tut es der Mutter nach, um diese zu trösten. Damit übertritt sie eine Schwelle. Augen werden für Ji-won zu einer Obsession – vor allem die blauen Augen weißer Männer, angefangen bei George, dem neuen Freund der Mutter.
Beide Töchter spüren, dass George asiatische Frauen fetischisiert und ihre Mutter nur ausnutzt, sie misstrauen ihm zutiefst. Die Spannungen nehmen zu, als er auch noch bei ihnen einzieht. Am College lassen Ji-wons akademische Leistungen stark nach, so sehr wird sie durch die familiäre Situation belastet. Nur die Freundschaft mit ihrer afroamerikanischen Kommilitonin Alexis gibt ihr Halt.
Es steuert auf eine Katastrophe zu
Getrübt wird diese Beziehung allerdings dadurch, dass ihr anderer Collegefreund, der sich betont feministisch gebende Geoffrey, Alexis nicht ausstehen kann. Und während Ji-wons Familienleben auf eine Katastrophe zuzusteuern scheint, fantasiert sie immer häufiger von blauen Männeraugen und wird von Albträumen geplagt, in denen sie menschliche Augen isst.
Dann stolpert sie zufällig eines Abends, nachdem sie Alexis besucht hat, in einer der dunkleren Ecken der Stadt über einen Toten. Und im Schockzustand passiert es zum ersten Mal, dass Ji-won das kleine Messer zückt, das sie immer bei sich trägt …
Bis zu diesem Moment bewegt der Roman sich lange im Rahmen eines gemäßigten narrativen Realismus, innerhalb dessen auch die Blaue-Augen-Besessenheit der Hauptfigur nicht übertrieben erscheint. Es wird allerdings deutlich genug, dass mit Ji-won irgendetwas nicht stimmt, denn auch im Verhältnis zu ihrer Schwester und ihren Freundinnen zeigt sie manchmal merkwürdig asoziales Verhalten.
Surrealistische Splatterfantasie
Doch wenn im weiteren Verlauf der Handlung ihre Obsession in reale Gewaltanwendung mündet, wird dieser anfänglich gesetzte Bereich realistischen Erzählens deutlich überschritten. Surrealistische Splatterfantasien werden narrative Wirklichkeit.
Man kennt solche Formen des Erzählens aus koreanischen Filmen, in denen Menschen auf strukturelle, unsichtbare Macht- beziehungsweise Gewaltverhältnisse auffallend häufig mit umso sichtbarerer, extremer physischer Gewalt reagieren. In diesem Kontext von Gewalt als Metapher steht auch Ji-wons Entwicklung zur Augen essenden Serienkillerin: als ins Monströse übersteigerte Gegenreaktion auf vielfach erlebte Diskriminierung von männlicher Seite.
Mit ihrem kleinen Messer macht diese völlig harmlos wirkende junge Frau im wahrsten Sinne des Wortes dem male gaze den Garaus und erzählt dabei in Ich-Perspektive ihre Geschichte im lockeren Plauderstil eines gehobenen Unterhaltungsromans. Das hat neben dem Horror-Grusel-Effekt definitiv auch eine unterschwellig komische Wirkung. Dennoch würde mensch diesen in all seiner originellen Schrägheit ziemlich gelungenen Roman weder beim Essen noch direkt vor dem Einschlafen lesen wollen. Ob man oder frau nun blaue Augen hat oder nicht.
7 Jan 2026
AUTOREN
Katharina Granzin
wochentaz
Krimis
Thriller
ARTIKEL ZUM THEMA
Egon Erwin Kisch, Prager Verbrechen: Wäre es nicht wahr, wäre es gut erfunden
Egon Erwin Kisch wurde als „Rasender Reporter“ bekannt. Einige Kriminalreportagen, für die er teilweise auf fragwürdige Weise Informationen besorgte, erscheinen jetzt wieder.
Debütroman von früherem Redenschreiber: Eiskalter Wind im Bundeskanzleramt
Autor Jean-Philippe Kindler hat einst für Linken-Politikerin Heidi Reichinnek gearbeitet. In seinem Debütroman sieht sich eine Redenschreiberin mit dem drohenden Faschismus konfrontiert.
Neuer Roman „GPS“: Lost in Google Maps
Im Thriller „GPS“ verschwindet auf rätselhafte Weise eine Freundin. Autorin Lucie Rico nutzt eine seltene Erzählweise und vermischt Reales und Irreales.
Jill Johnson „Nachtschattengewächse“: Grünzeug des Unheils
Eustacia Rose züchtet Giftpflanzen und wird eines Tages verdächtigt, einen Giftmord begangen zu haben. Ein Krimi mit skurrilem britischen Humor.
Spielfilm „Winter in Sokcho“: Hier wird vortrefflich aufgekocht
In seinem stillen, genau beobachteten Spielfilmdebüt „Winter in Sokcho“ erzählt der Regisseur Koya Kamura vom Leben in einer südkoreanischen Kleinstadt.
Horrorroman „Verbrenn das Negativ“: Die Todesfälle häufen sich
Josh Winnings neuer Roman ist gelungener selbstreflexiver Horror. Der Plot ist so plausibel, wie ein Slasherplot eben sein muss.
Krimi von Marie Hermanson: Hinter der bürgerlichen Fassade
Auf den ersten Eindruck bestimmt ein Cosy-crime-Feeling die Atmosphäre von „Im Finsterwald“. Doch hinter der bürgerlichen Familienfassade steckt mehr.
Altern im Krimi: Das lange Leben der Detektive
Wie alt sollten eigentlich ErmittlerInnen im Kriminalroman werden dürfen? Ein paar Gedanken aus Anlass der neuen Romane von Kate Atkinson und Sara Paretsky.
Laurent Binets Krimi „Perspektiven“: Ein ermordeter Maler und freche Fakten
Die Medici, ein Ermittler und die Intrige einer französischen Königin: die Spannung zwischen Historischem und Fiktiven macht dieses Buch so reizvoll.